Tests zum Leseverständnis

Hamburger Lesetest 3-4

Lehmann et al. (2006)

Text von Finn Holtz im Rahmen des Seminars „Diagnostische Methoden bei Beeinträchtigungen der Sprache“. Universität Hamburg, Sommersemester 2013 Dozent: Dr. Jörg Mußmann

Der Hamburger Lesetest (HAMLET) ist ein Leseverständnistest für die dritten und vierten Klassen und ist mittlerweile in zweiter Auflage erschienen (Lehmann et al. 2006). Er besteht aus zwei Teilen: einem Worterkennungs-Test und einem Leseverständnis-Test. Ersterer erhebt grundlegende Daten bezüglich Lesefertigkeit und Lesegeschwindigkeit. Der zweite Teil erlaubt die Zuordnung der Testpersonen zu einer Stufe des Leseverständnisses.

Aufbau

Es gibt zwei parallele Testformen (A und B). Der gesamte Test umfasst drei Sequenzen, den Wort-Test O40, den Leseverständnis-Test Teil 1 und den Leseverständnis-Test Teil 2. Der Wort-Test O40 wurde von einer dänischen Forschungsgruppe entwickelt und ist mittlerweile international erprobt. Die Schülerinnen und Schüler, nachfolgend mit SuS abgekürzt, haben dabei die Aufgabe innerhalb von 90 Sekunden 40 Wörtern das jeweils passende Bild zuzuordnen. Dabei können sie jeweils aus vier Bildern auswählen. Bei den Wörtern handelt es sich um ein- bis dreisilbige konkrete Substantive. Der Leseverständnis-Test besteht aus zwei Erzähltexten, fünf Sachtexten und drei Gebrauchstexten. Die Erzähl- und Sachtexte variieren zwischen 118 und 616 Wörtern, die Gebrauchstexte bestehen aus Tabellen, Anweisungen und Kurzinformationen. Zu diesen Texten sollen die Kinder insgesamt 40 Fragen beantworten. Zu jeder Frage gibt es vier Antwortmöglichkeiten, die angekreuzt werden können. Das Multiple-Choice-Verfahren soll den möglichen Störfaktor des Niederschreibens der Antwort von vornherein beseitigen und so die semantische Leistung, d.h. die Wortverstehensleistung, unabhängig von der Schreibleistung beobachtbar machen.

Durchführung

Der gesamte Test soll in zwei aufeinander folgenden 45-minütigen Unterrichtsstunden stattfinden. Sequenz eins besteht aus dem Wort-Test O40, die Anleitung soll 4,5 Minuten dauern, der Test an sich 1,5 Minuten. Darauf folgt Sequenz zwei mit dem ersten Teil des Leseverständnis-Tests. Die Anleitung soll fünf Minuten dauern, der eigentliche Test 24 Minuten. Anschließend kommt Sequenz drei mit dem zweiten Teil des Leseverständnis-Tests und einer Dauer von 45 Minuten. Davon sind fünf Minuten für die Anleitung vorgesehen. Die Reihenfolge der Sequenzen und die Zeitvorgaben sind verbindlich. Die SuS brauchen lediglich einen Bleistift, ansonsten sollen die Tische leer sein. Die Lehrkraft soll während des eigentlichen Tests keine Hilfestellung geben, sondern nur die Beispiele besprechen. So soll sicher gestellt sein, dass jeder den Test bearbeiten kann, aber während des Tests gleiche Bedingungen herrschen.

Wort-Test O40

Zuerst besprechen die SuS die vorgegebenen Beispiele mit der Lehrkraft. Beim ersten Beispiel ist die Lösung bereits markiert, beim Zweiten erklärt die Lehrerin unter Einbeziehung der SuS welches Bild richtig ist und wie es markiert werden soll. Anschließend erklärt die Lehrkraft das weitere Vorgehen: Die folgenden Wort-Bild-Reihen bearbeiten, falls nötig eine Reihe auslassen, da es darum geht möglichst viele Aufgaben innerhalb von 90 Sekunden zu lösen. Nun ist noch Zeit für Fragen vonseiten der SuS. Im Anschluss daran wird der eigentliche Test gestartet und nach genau 90 Sekunden gestoppt.

Leseverständnis-Test, Teil 1

Die Lehrkraft leitet die zweite Sequenz ein, indem sie den SuS erklärt, dass nun Texte folgen, die unterschiedlich lang und schwierig sind und von Bildern oder Tabellen begleitet sein können. Dann liest sie den Beispieltext aus dem Testheft laut vor und stellt die Fragen vor. Wie oben beschrieben sind jeder Frage vier Antwortmöglichkeiten zugeordnet. Die erste Frage ist bereits gelöst, d.h. die korrekte Antwort angekreuzt. So erfahren die SuS wie das Schema funktioniert. Die Lehrkraft verweist darauf, dass immer nur eine Antwort richtig ist. Nun werden die zweite und dritte Frage von den SuS selbständig beantwortet und im Plenum abgeglichen. Anschließend gibt die Lehrkraft Anweisung nun die anderen Texte und Fragen bis zum „Leseverständnis-Test, Teil 2“ innerhalb von 24 Minuten zu bearbeiten und darauf zu achten möglichst alle Fragen zu beantworten. Sie erinnert daran, dass immer nur eine Antwort richtig ist. Nach 24 Minuten wird gestoppt und die SuS sollen die Hefte umdrehen, da nun eine Pause stattfindet.

Leseverständnis-Test, Teil 2

Die Lehrkraft achtet darauf, dass alle gleichzeitig die Hefte umschlagen und niemand zu früh weiterblättert. Da das Bearbeitungsschema von Teil zwei des Leseverständnis-Tests dem von Teil eins entspricht, muss die Lehrkraft lediglich darauf hinweisen, dass nicht beantwortete Fragen aus Teil eins nicht mehr bearbeitet werden dürfen und dass auch in Teil zwei immer nur eine Antwort richtig ist. Sollten Schüler mit der Bearbeitung dieser Testsequenz vor Ablauf der Zeit fertig sein, sollen sie noch einmal alle Fragen aus Teil zwei durchgehen und eventuell korrigieren. Anschließend besteht die Möglichkeit die Rätsel auf der letzten Seite des Testhefts zu bearbeiten. Nach genau 40 Minuten wird der Test beendet.

Auswertung und Interpretation

Wort-Test O40

Zur Auswertung dieses Testteils schlägt das Manual drei Schritte vor: Im ersten Schritt soll die Lehrkraft die Anzahl der richtig gelösten Aufgaben feststellen. Dieser Wert wird als Rohwert bezeichnet. Dieser soll auf dem Auswertungsbogen in „Liste A“ eingetragen werden. Aus diesem Rohwert lässt sich die Lesegeschwindigkeitsstufe ableiten. So entsprechen null bis 20 richtig gelöste Aufgaben Stufe eins (LG 1), 21 bis 35 LG 2 und 36 bis 40 LG 3. Im dritten Schritt sollen diese beiden Werte für jeden einzelnen Schüler in die Klassenliste übertragen werden. Die Ergebnisse aus diesem Wort-Test lassen Rückschlüsse bezüglich Lesesicherheit und Lesegeschwindigkeit zu. Die korrekte Zuordnung eines Bildes zu einem Wort lässt darauf schließen, dass das Wort von dem Kind verstanden wurde. Je mehr Bilder korrekt zugeordnet wurden, desto mehr Wörter wurden verstanden und desto größer ist die Lesesicherheit. Gleichzeitig ist dies ein Indikator für die Lesegeschwindigkeit, da die SuS für 40 Wörter lediglich 90 Sekunden Zeit haben.

Leseverständnis-Test, Teil 1 und 2

Zur Auswertung der zweiten und dritten Testsequenz sind sechs Arbeitsschritte nötig: Zuerst sollen die angekreuzten Antworten in die Spalte „Antwort“ auf dem Auswertungsbogen übertragen werden. Dafür stehen pro Frage die Ankreuzmöglichkeiten A bis D zur Verfügung. Sollte das Kind entgegen der Anleitung mehr als eine Antwortmöglichkeit markiert oder aber die Frage nicht beantwortet haben, wird dies in der Spalte „fehlt“ vermerkt. Anschließend soll die Auswertungsschablone auf den Auswertungsbogen gelegt werden. Auf der Schablone sind die korrekten Antworten durch einen einzelnen markierten Kreis hervorgehoben. Bei einer Übereinstimmung von Schülerlösung und Schablone wird dies in der Spalte „Richtige Lösungen pro Schwierigkeitsstufe“ vermerkt. Die Zuordnung der Frage zu den Schwierigkeitsstufen 1-4 wird durch die Positionierung des in der Spalte anzukreuzenden Kreises deutlich. Nun werden die einzelnen Ergebnisse pro Schwierigkeitsstufe addiert und in das entsprechende Kästchen eingetragen. Für den Rohwert müssen alle diese Einzelsummen wiederum addiert werden. Aus diesem Rohwert lässt sich dann in „Liste B: Erreichte Stufe des Leseverständnisses“ ebenjene ablesen. So steht ein Wert zwischen null und elf für Stufe 0 (LV0), ein Wert zwischen 35 und 40 dagegen für LV 4. Auch jener Rohwert und die Leseverständnisstufe sollen in die Klassenliste übertragen werden. Außerdem ist es möglich die Beherrschung der einzelnen Schwierigkeitsgrade herauszufinden, wenn man die jeweiligen Einzelwerte des Rohwertes in Liste C überträgt. Dort muss dann die vorgegebene Rechnung ausgeführt werden, um herauszufinden wie viel Prozent der Fragen pro Schwierigkeitsstufe richtig gelöst wurden. Das Manual geht von einer sicheren Beherrschung einer Schwierigkeitsstufe aus, wenn mindestens 75% der zu dieser Stufe gehörigen Fragen richtig gelöst wurden. Des Weiteren ist nicht nur die Rückmeldung bezüglich der individuellen Leistung eines Schülers/ einer Schülerin möglich, sondern auch der Vergleich dieser Schülerinnen und Schüler mit der Eichstichprobe. Zu diesem Zweck sind im Manual zwei Tabellen für die Klassenstufen drei und vier vorhanden. Dort kann man den erreichten Rohwert des Schülers bzw. der Schülerin auf einen Prozentrangplatz eingeordnet finden. Beispiel: Hat ein Schüler bei der Testversion A 27 Fragen richtig beantwortet, beträgt der Rohwert logischerweise 27. Mit diesem Rohwert wird der Schüler der Leseverständnisstufe 2 zugeordnet. Sein Rohwert entspricht außerdem dem Prozentrangplatz 67. Das heißt 67 % der SuS haben gleich gut oder schlechter abgeschnitten und 33 % gleich gut oder besser.

Kritische Diskussion

Zunächst einmal kann festgehalten werden, dass die üblichen drei Gütekriterien von diagnostischen Tests erfüllt werden.

1. Objektivität: Durch die klare Anleitung bezüglich der Testdurchführung, sowie durch die eindeutig vorgegebenen Auswertungsschritte ist die Objektivität des Testenden in hohem Maße gegeben.

2. Reliabilität: Zudem weist der Wort-Test eine Reliabilität von .97 und der Leseverständnis-Test, abhängig von der Testversion, eine Reliabilität von .87 bzw. von .89.

3. Validität: Vergleiche von Testergebnissen einiger SuS mit Einschätzungen ihrer Lehrkräfte auf einer Skala deuten auf eine gute Validität hin, da sich die Korrelationswerte mit .58 bis .65 im üblichen Rahmen bewegen.

Zusätzlich positiv hervorzuheben ist die Eichung. Sie wurde 1995 an einer bundesweit angenähert repräsentativen Stichprobe von 3473 SuS durchgeführt. Die Stichprobe teilt sich in 1770 Drittklässler und 1704 Viertklässler. Der Anteil von Jungen und Mädchen ist positiverweise gleich groß. Das Datum der Eichung jedoch zeigt an, dass diese nicht mehr brandaktuell ist. Zudem betrug der Anteil von Kindern mit einer anderen Muttersprache als Deutsch lediglich ca. elf Prozent und geht somit an der Realität vieler Großstädte vorbei. Durch die Tatsache, dass während des Tests keine Schreibleistung gefordert wird, fallen eventuelle Schreibschwierigkeiten weg, sodass das Testergebnis nicht verfälscht wird. Laut eigener Aussage der Testentwickler im Manual berücksichtigt die Auswahl der Texte für den Leseverständnis-Test das Schul- und Alltagsleben der Kinder, indem verschiedene Textsorten einbezogen werden. Zudem seien die Texte und Aufgaben an Lese- und Sachkundebücher, sowie an die Lehrpläne der dritten und vierten Klassen angelehnt. Das Bildmaterial des Wort-Tests ist gut verständlich und eindeutig. Die Testdauer ist mit zwei Schulstunden recht lang, doch eine Pause zur Hälfte des Tests sollte eine konzentrierte Arbeit ermöglichen. Zudem gewährleitet der Test auf diese Weise die zuverlässige Erfassung von Lesesicherheit, Lesegeschwindigkeit und Leseverständnis (vgl. Reliabilität). Der Test wird von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München empfohlen (Deimel o.J.).

Literatur

Lehmann, R. H., Peek, R., Poerschke,J. (2006): „Hamburger Lesetest für 3. und 4. Klassen“. Göttingen: Hogrefe, 2. Auflage

Deimel, W. (o.J.): „Testverfahren zur Diagnostik der Lese-Rechtschreibstörung. Eine Übersicht.“ URL: www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/TestverfahrenzurDiagnostik1.pdf (letzter Zugriff: 01.08.2013)

www.testzentrale.de


2013/08/04 12:38

diagnostik/legasthenie_lese-rechtschreibschwaeche.txt · Zuletzt geändert: 2013/08/04 12:44 von mussmann
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