Rhinophonie

Miriam Holtmann, B.A. Sonderpädagogik

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

Die Diagnostik bei Rhinophonie umfasst die Abklärung organischer oder funktioneller Ursachen. Dazu werden subjektive wie objektive sprachtherapeutische Analysen zur Untersuchung und Beurteilung der Resonanz sowie des nasalen Durchschlags genutzt. Außerdem kann eine exakte Dokumentation rückverlagerter Artikulation, besonders bei von LKGS-Fehlbildungen betroffenen Menschen, durchgeführt werden. (vgl. Seidner 2005, S. 282; Neumann 2009, S. 327; Böhme 2015, S.99-102)

Zunächst sollten umfassende Untersuchungen durch einen HNO-Arzt durchgeführt werden, um abzuklären inwieweit funktionelle oder anatomische Störungen der Nase oder des Ohres die Rhinophonie bedingen. Dabei werden die innere Nase und die Ohren auf etwaige Störungen (z.B. Entzündungen, Narbengewebe) oder Fehlbildungen untersucht. Sind Entzündungen (wie Rhinitis) oder hypertrophe Tonsillen, u.v.a., die die Nasenluftpassage verengen oder blockieren können, vorhanden, tritt eine Hyporhinophonie auf. Im Bereich der Hyperrhinophonie sollten vor allem Hörminderungen aufgrund von z.B. Fehlbildungen, Schallleitungs-schwerhörigkeit, Tubenverschlussstörung oder vernarbten Trommelfell, inspiziert oder ausgeschlossen werden. (vgl. Neumann 2009, S. 327f)

Des Weiteren muss eine funktionelle oder anatomische Beeinträchtigung des Gaumens und/oder des Velums (z.B. Velumparese, Restlöcher im harten Gaumen, etc.), welche die Rhinophonie ebenfalls verursachen bzw. dazu bei-tragen kann, diagnostiziert oder ausgeschlossen werden. Diese subjektive Un-tersuchung sollte ein/e erfahrene/r Mediziner/in vornehmen. Als objektives Ver-fahren sollte ebenfalls eine Video-Nasopharyngoskopie der Nase und des Nasopharynx mit einem flexiblen Endoskop durchgeführt werden. (ebd., S. 328) Im sprachtherapeutischen Rahmen stehen sowohl subjektive als auch objektive Analysemethoden zur Verfügung. Besonders bei den subjektiven Verfahren sollte sich der/die Therapeut/in dieser Subjektivität bewusst sein und folgende therapeutische Entscheidungen nicht ausschließlich über die subjektiven Beurteilungen treffen. (ebd., S. 328f)

Folgende subjektive und objektive sprachtherapeutische Methoden gibt es:

1. Subjektive Analysemethoden

1.1 Analyse der Resonanz (auditiv-perzeptiv)

Auf Grundlage einer Sprachproduktion des Patienten bzw. der Patientin - Spontansprache, Nachsprechen von Silben, Wörtern oder Texten, Vorlesen, Benennen von Bildern - differenziert der Sprachtherapeut zwischen hypo- oder hypernasalem Stimmklang.(vgl. Seidner 2005, S. 282; Neumann 2009, S. 329; Böhme 2015, S. 99f)

Material: Lautprüfbogen nach Frank & Grziwotz (1985), LOGO-Ausspracheprüfung (vgl. Wagner 2011), u.a.

Ziel: auditive Differenzierung zwischen Hypo- und Hyperrhinophonie (im Erstgespräch möglich)

1.2 Hauchspiegelprobe nach Czermak

Der Czermak´sche Spiegel, oder eine spezielle Metallplatte, wird horizontal unter die Nasenlöcher gehalten. Währenddessen sollen vom Patienten bzw. der Patientin systematisch alle Laute nacheinander, auch auf Silben-, Wort- und Satzebene, gesprochen werden.

Ein pathologischer Befund liegt dann vor, wenn entweder, zusätzlich zu den Nasalen (/n/, /m/, /ng/), auch bei den Plosiven, Frikativen und Affrikaten ein schmetterlingsförmiger Beschlag auf dem Spiegel sichtbar wird (Hyperrhinophonie), oder kein Beschlag bei den Nasalen auftritt (Hypo-rhinophonie). Hier kann es auch vorkommen, dass nur auf einer Seite, dort wo eine Behinderung der inneren Nase vorliegt, kein Beschlag entsteht. Beim gemischten Näseln (Rhinophonia mixta) tritt möglicherweise ein asymmetrischer Beschlag auf.

Material: Czermak´scher Spiegel oder spezielle Metallplatte

Beachte: Diese Probe kann, besonders bei kleinen Kindern, leicht manipuliert werden, indem der Spiegel willentlich behaucht und durch die Nase gesprochen wird.

Ziel: Die Feststellung des Nasalen Durchschlags ermöglicht ein relativ zuverlässige Diagnose, ob und welche Form der Rhinophonie vorliegt. (im Erstgespräch möglich)

(vgl. Friedrich 2005, S. 148; Neumann 2009, S. 329; Böhme 2015, S.100)

1.3 A-I-Probe nach Gutzmann

Nacheinander werden die Vokale /a/ und /i/ artikuliert. Nach jedem Durchgang werden die Nasenflügel manuell verschlossen und wieder geöffnet. Für kleine Kinder kann die Reihenfolge der Vokale getauscht und die Übung so, mit Hilfe eines Stofftier-Esels, in ein Spiel eingebaut werden.

Tritt eine auditiv wahrnehmbare Stimmklangänderung bei geschlossener Nase auf, liegt eine Hyper-rhinophonie vor. Eine Hyporhinophonie kann mit dieser Methode nicht untersucht werden.

Material: (Stofftier-Esel)

Ziel: Feststellung einer Hyperrhinophonie (im Erstgespräch möglich) (vgl. Neumann 2009, S. 330; Böhme 2015, S. 100)

1.4 Phonendoskop (Nasenhörrohr) nach Gutzmann

Mit einem 70cm langen Gummischlauch, der an beiden Enden auswechselbare Olivenansätze besitzt, wird eine Verbindung zwischen einem Nasenloch des Patienten bzw. der Patientin, an das eine Olive abschließend gehalten wird, und einem Ohr des Therapierenden hergestellt. Anschließend werden Testwörter aus Lautprüfmitteln nachgesprochen. Mit Hilfe des Schlauches wird die nasale Luftflucht akustisch verstärkt, wodurch unphysiologische Begleitgeräusche erfasst werden können. Verstärktes Dröhnen bei den Vokalen (besonders bei /u/ & /i/) tritt bei einer bestehenden Hyperrhinophonie auf. Weitere pathologische Begleitgeräusche sind:

  • Durchschlaggeräusche bei Plosiven
  • nasales Blasen bei Frikativen
  • begleitendes Schnurren (weist auf eine geringe velopharyngeale Insuffizienz hin)

Ziel: Erkennen einer Hyperrhinophonie, sowie eines nicht-hörbaren nasalen Durchschlags. (vgl. Neumann 2009, S. 330; Böhme 2015, S. 100)

Zur Untersuchung von Gaumensegelparesen können folgende Methoden angewendet werden:

1.5 Kopfdrehprobe nach Nadolenczy

Der Kopf des Patienten bzw. der Patientin wird zur gesunden Seite gedreht. Dadurch vergrößert sich der Abstand des gelähmten Gaumensegels zu Rachenhinterwand, wodurch die Hyperrhinophonie verstärkt wird. (vgl. Friedrich 2005, S. 148; Neumann 2009, S. 329f; Böhme 2015, S. 100)

1.6 Modifizierter Zungenankertest

Die Zunge des Patienten bzw. der Patientin wird herausgestreckt und mit einem Gazestreifen fixiert. Anschließend muss der Patient seine Wangen aufblasen. Liegt eine velopharyngeale Dysfunktion vor, kann somit die Sphinkterinsuffizienz nicht durch die Zunge kompensiert werden, sodass es zu einem nasalen Durchschlag oder zu Reibegeräuschen kommt. (vgl. Dalston et al. 1990)

1.7 Liegeprobe nach Schlesinger

Der Patient bzw. die Patientim legt sich flach auf den Rücken und artikuliert spontan. Liegt eine funktionelle Störung vor, ist keine Hyperrhionophine mehr zu hören, weil das Velum sich der Pharynxwand annähert. Bei einer Velumparese hingegen bleibt die Hyperrhinophonie bestehen.

Ziel: Differenzierung zwischen einer Velumparese und einer funktionellen Hyperrhinophonie. (vgl. Böhme 2015, S. 100f)

2. ´Objektive` Analysemethoden

Objektive Analysemethoden sind apparative Methoden, welche entweder die Messvariablen nach standardisierten Normen bewerten, oder weiterhin von einer individuellen Einschätzung des Therapierenden abhängig ist. Aus diesem Grund bleib die Objektivität in einigen Fällen fragwürdig. Da diese im alltäglichen, nicht nur auf Stimme spezialisierten, sprachtherapeutischen Gebrauch eher unüblich sind, werden sie hier nicht näher erläutert, seien aber kurz erwähnt.

  • Video-Nasopharyngoskopie
  • Videofluoroskopie
  • Hochfrequenzkinematographie
  • Elektromagnetische Artikulographie (EMA)
  • Sonagraphie
  • Nasometer
  • Nasal View
  • Rhinomanometrie
  • Radiologische Diagnostik

Bei Interesse nachzulesen bei Friedrich (2005), Naumann (2009, S. 331-335) und Böhme (2015, S. 101f).

Literatur

Böhme, G. (2015). Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Band 1: Klinik (4. Aufl., Print-on-Demand Ausgabe der 4. Aufl.). München: Urban & Fischer in Elsevier.

Dalston, R. M., Warren, D.W. & Dalston, E.T. (1990). The Modified Tongue - Anchor Technique as a Screening Test for Velopharyngeal Inadequacy. Journal of Speech and Hearing Disorders 55 (3), 510–515

Frank, G. & Grziwotz, P. (1985). Lautprüfbogen (LPB). Ravensburg: Sprach- heilzentrum.

Friedrich, G. (2005). Näseln. In W. Bigenzahn, E. Brunner, G. Friedrich und P. Zorowka (Hrsg.), Phoniatrie und Pädaudiologie. Einführung in die medizinischen, psychologischen und linguistischen Grundlagen von Stimme, Sprache und Gehör (4., korrigierte Aufl., S. 143-151). Bern [u.a.]: Huber (Programmbereich Gesundheit).

Neumann, S. (2009). Rhinophonie und Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, Segel-Fehlbildungen. In M. Grohnfeldt (Hrsg.), Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie (2. überarb. u. erw. Aufl., S. 327–337). Stuttgart: Kohlhammer (Kohlhammer: Pädagogik).

Seidner, W. (2005). Näseln. In J. Wendler, W. Seidner, U. Eysholdt & H. Appel (Hrsg.), Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie (4., völlig überarb. Aufl., S. 273-283). Stuttgart: Thieme.

Wagner, I. (2011). LOGO-Ausspracheprüfung zur differenzierten Analyse von Dyslalien (Überarb. Neuaufl.). Wildeshausen: LOGO.


2016/10/31 18:30

diagnostik/rhinophonie.txt · Zuletzt geändert: 2016/10/31 20:17 von stitzinger
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