Sprechapraxie

Verena Aretz, M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften (Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

Um eine kindliche Sprechapraxie feststellen zu können, ist vor allem das Alter der Kinder entscheidend. Bei Kindern unter drei Jahren gestaltet sich die Diagnostik sehr schwer bis fast unmöglich, da Auffälligkeiten und diagnostische Kriterien sich immer an der Altersnorm sprachunauffälliger Kinder orientieren. Für den englischsprachigen Raum gibt es bereits einige Verfahren zur Diagnostik der kindlichen Sprechapraxie. Für den deutschsprachigen Raum fehlen diese leider noch. Birner-Janusch (2010) gibt allerdings einen Vorschlag zum Vorgehen im Deutschen ab, der auch in anderer Literatur zitiert wird (vgl. Fiori & am Zehnhoff-Dinnesen 2012, S. 358).

Birner-Janusch stellt zunächst hingegen ein standardisiertes Verfahren vor. Der „Screening Test for Developmental Apraxia of Speech“ (STDAS-2) wurde von Blakeley im Jahre 2001 in zweiter Auflage herausgegeben. Das Screening findet nur dann Anwendung, wenn eine Störung der expressiven Sprachentwicklung vorliegt. Rezeptive Fähigkeiten sind mit anderen Diagnostikinstrumenten gesondert zu erfassen. Für Kinder mit geistiger Beeinträchtigung ist der STDAS-2 nicht einzusetzen. Der Test bieten dem Diagnostiker innerhalb von 10-15 Minuten einen schnellen Überblick über Wahrscheinlichkeit des Bestehens einer kindlichen Sprechapaxie. Der Test gliedert sich in die Untertest Prosodie, verbale Sequenzierungsaufgaben und Artikulation. Das Screening ist an 51 Kindern in den USA standardisiert worden. Die Reliabilität ist nicht überprüft worden, aber auf die Validität wird verwiesen. Laut Marquadt (2001) kann mithilfe des Tests, trotz seiner Schwächen, eine Unterscheidung von Kindern mit einer kindlichen Sprechapraxie und Kindern mit einer phonologischen Störung erfolgen (vgl. Birner-Janusch 2010, S. 88). Informationen zur Auswertung konnten ohne den Test leider nicht ausfindig gemacht werden.

Im Überblick: „Screening Test for Developmental Apraxia of Speech“ (STDAS-2) von Blakely (2001, 2. Auflage)

  • Zielgruppe: 4 bis 12 Jahre
  • Überprüfungsbereiche: Abgrenzung kindliche Sprechapraxie von phonologischer Störung
  • Gütekriterien: Verweis auf Validität
  • Normierung: an 51 Kindern in den USA standardisiert, aber nicht altersnormiert
  • Durchführungsart: Screening, Nachsprechen
  • Durchführungsaufbau: 4 Subtests: Expressive Sprachentwicklung, Prosodie, verbale Seqeuenzierung, Artikulation
  • Durchführungsdauer: 10-15 Minuten

Ein weiterer Test, der „Verbal Motor Production Assessment for Children“ (VMPAC) von Hayden und Square (1999) dient eher als Differentialdiagnostik bzw. sieht für eine kindliche Sprechapraxie eine Ausschlussdiagnose als sinnvoll an. Ausgeschlossen werden müssen Hörstörungen, kraniofaziale Störungen, Intelligenzminderungen, Störungen des Sprachverständnisses, emotionale Störungen und Störungen des pragmatischen Sprachgebrauchs. Dann kann mithilfe des Test überprüft werden, ob eine Aussprachestörung noch innerhalb der Altersnorm liegt oder eine sprechmotorische Ursache hat. Es erfolgt eine Beobachtung nichtsprachlicher Bewegungsfolgen. Am Ende kann mit Hilfe des VMPAC zwischen einer dysarthrischen und sprechapraktischen Störung unterschieden werden. Zuvor werden fünf Untertests durchgeführt: grobmotorische Steuerung; Steuerung nichtsprachlicher orofazialer Bewegungen; Sequenzierung von Einzellauten, Silben, Wörtern und Sätzen; Steuerung des Sprechens bei gelenkter Rede und allgemeine Beurteilung sprechmotorischer Charakteristika.

Im Überblick: „Verbal Motor Production Assessment for Children” von Hayden und Square (1999)

  • Zielgruppe: 3 bis 12 Jahre
  • Überprüfungsbereiche: Aussprachestörung noch innerhalb der Norm oder Folge einer sprechmotorischen Störung, Beobachtung nichtsprachlicher Bewegungsfolgen, Unterscheidung dysarthrische vs. sprechapraktische Störung
  • Gütekriterien: Reliabilität und Validität überprüft
  • Normierung: an 1040 Kindern in den USA in 5 Altersgruppen normiert
  • Durchführungsart: Sprechapraxie als Ausschlussdiagnose; Beobachtung und Überprüfung von Fähigkeiten, Nachsprechen
  • Durchführungsaufbau: 5 Subtests: grobmotorische Steuerung; Steuerung nichtsprachlicher orofazialer Bewegungen; Sequenzierung von Einzellauten, Silben, Wörtern und Sätzen; Steuerung des Sprechens in der gelenkten Rede; allgemeins Beurteilung sprechmotorischer Charakteristika
  • Durchführungsdauer: 45-50 Minuten (vgl. PRO-ED 2012)
  • Schrittweise Auswertung mithilfe des Manuals

Für das Deutsche gibt es bislang kein Diagnostikinstrument, mit dem eine kindliche Sprechapraxie klar festgestellt werden kann. Es wird aber ein Vorgehen vorgeschlagen, welches im Weiteren erläutert wird. Ein ausführlicher Anamnesebogen und ein Diagnostikbogen sind im Anhang des Textes von Birner-Janusch (S. 142-160) enthalten. Das Verfahren ist weder normiert noch evaluiert worden, sondern dient der Untermauerung klinischer Befunderhebung durch gezielte, theoriegeleitete Beobachtungen (vgl. Birner-Janusch 2010, S. 89).

Zunächst sollte eine gründliche und ausführliche Anamnese Aufschluss über genetische und metabolische Auffälligkeiten geben und die motorische, soziale und kommunikative Entwicklung erfragt werden. Störungen wie beispielsweise Hörstörungen, kraniofaziale Störungen, Intelligenzminderungen und emotionale Störungen sollten wie schon im VMPAC ausgeschlossen werden. Anschließend sollte die neuromotorische Entwicklung betrachtet werden. Über gleichzeitig bestehende Gliedmaßenapraxie im Sinne von grobmotorischen Auffälligkeiten kann der Kinderarzt oder die Ergo- oder Physiotherapie informieren. Diese Fachgebiete sollten in solchen Fällen unbedingt mit einbezogen werden und die Diagnostik und Therapie der Gliedmaßenapraxie übernehmen. In Bezug auf eine kindliche Sprechapraxie ist bei der Inspektion von Mundhöhle und Artikulatoren eine allgemeine orofaziale Schwäche und eine eingeschränkte Beweglichkeit der Artikulatoren auszuschließen. Wenn an dieser Stelle Auffälligkeiten vorliegen, besteht eine Dysarthrie. Weiterhin sollte überprüft werden, ob das Sprachverständnis besser ist als die expressiven Fähigkeiten des Kindes. Nur wenn dies der Fall ist, kann von einer kindlichen Sprechapraxie gesprochen werden. Normierte Tests, die das überprüfen sind beispielsweise der „Sprachentwicklungstest für Kinder“ von Hannelore Grimm (2000, 2001) für zwei- bis fünfjährige Kinder oder der „Marburger Sprachverständnistest für Kinder“ (MSVK) von Elben und Lohaus (2000) für fünfjährige Kinder bis zum ersten Schuljahr (vgl. ebd. S. 89 f.).

Anschließend sollte eine Überprüfung der Fehlerquote und der Fehlerkonsistenz erfolgen. Mit Hilfe dem 25-Wörter-Test aus Annette V. Fox-Boyers PLAKSS (Psycholinguistische Analyse kindlicher Sprechstörungen) kann die Fehlerkonsistenz ermittelt werden. Dem Kind werden dreimal 25 Bildkarten präsentiert, die es benennen soll. Wenn nach dreimaliger Benennung zwölf der Wörter nicht konsistent produziert werden, wird eine inkonsequente phonologische Störung angenommen. Dann ist in jedem Fall eine Überprüfung der Symptomatik erforderlich, um zu überprüfen, ob eine kindliche Sprechapraxie besteht. Im Anschluss daran sollte die Fehlerquote bestimmt werden. Dazu kann mit Hilfe einer Formel ein Prozentsatz inkorrekter Produktion bezogen auf die Wortanzahl erstellt werden:

(Anzahl der Fehler / Anzahl aller Produktionen) x 100 = Prozentsatz inkorrekter Produktionen.

„Je mehr Fehler das Kind macht, desto höher ist der ermittelte Prozentsatz inkorrekter Produktionen“ (Birner-Janusch 2010, S. 91). Zwar ist das Ergebnis kein Garant für eine direkte Aussage zur Konsistenz, doch kann ein genereller Eindruck der kindlichen Fähigkeiten wiedergespiegelt werden (vgl. ebd.). Daraufhin sollte die Ermittlung der generellen Konsistenz des Fehlertyps erfolgen. Auch in diesem Fall gibt es eine Formel, die besagen soll, ob eher konstant dieselben Fehlertypen gemacht werden, oder ob einzelne Wörter unterschiedlich fehlerhaft realisiert werden. Die Formel lautet:

(1- (Anzahl der unterschiedlichen Fehlertypen / Anzahl der fehlerhaften Produktionen)) x 100 = Prozentsatz der Konsistenz des Fehlertyps.

Es kann gesagt werden, „je geringer der ermittelte Prozentsatz ist, desto mehr unterschiedliche Fehler macht das Kind beim Sprechen. Das spricht für eine kindliche Sprechapraxie“ (ebd.).

Anschließend erfolgt noch eine Berechnung und zwar die der Konsistenz des am häufigsten gemachten Fehlertyps. Um dies auszurechnen, bedient man sich folgender Formel:

1) x 100 = Prozentsatz der Konsistenz des am häufigsten gemachten Fehlertyps.

Ist das Ergebnis eine hohe Konsistenz des am häufigsten gemachten Fehlertyps, so spricht dies gegen eine kindliche Sprechapraxie. Diese drei Berechnungen sind nur dann sinnvoll, wenn genügend Produktionen erfolgt sind. Je mehr Wörter das Kind produziert hat, desto aussagekräftiger sind die ermittelten Werte. Aus diesem Grund sollten drei Durchgänge mit 25 Wörtern erfolgen (vgl. Birner-Janusch 2010, S. 92). Wie auch in den englischsprachigen Tests wird auch für den deutschsprachigen Raum eine Aufgabe zum Nachsprechen von Vokalen, Konsonanten, Pseudowörtern und Wörtern vorgeschlagen. Zunächst wird das Vokalrepertoires durch Nachsprechen ermittelt, indem die Kinder alle langen Vokale, den Schwalaut und die Diphthonge nach Aufforderung viermal wiederholen sollen. So kann auch die Konsistenz überprüft werden. Eine inkonsistente Vokalproduktion ist ein Hinweis auf eine kindliche Sprechapraxie. Die gleiche Vorgehensweise wird auch für die Ermittlung des Konsonantenrepertoires durch Nachsprechen angewandt. Danach folgt das Nachsprechen von einfachen Silben und einsilbiger Pseudowörtern, deren Komplexität allerdings steigt. Auch diese Items sollen vom Kind viermal produziert werden. Abschließend erfolgt im Bereich des Nachsprechens die Produktion von Wörtern. Diese werde jeweils einmal produziert. Auch die Komplexität der Wörter steigt an (vgl. ebd. S. 92 f.).

Im Anschluss an das Nachsprechen erfolgt die Ermittlung der diadochokinetischen Rate, das heißt die maximale Wiederholungsgeschwindigkeit bei wechselnder Silbenfolge. Zudem wird auch die maximale Frikativhaltedauer ermittelt (vgl. ebd. S. 94).

Ein weiterer zu überprüfender Bereich ist die automatisierte Sprache. Die Kinder werden gebeten zu zählen, soweit sie das schon können. „Wenn das Sprechen beim Zählen konsistenter ist als bei spontanen Äußerungen, beim Benennen oder in der gelenkten Rede, so ist dies ein weiterer Hinweis auf eine kindliche Sprechapraxie“ (Birner-Janusch 2010, S. 94). Abschließend sollte die Prosodie betrachtet werden. Diese Beobachtung kann auch während anderer Teilbereiche der Überprüfung erfolgen. Es werden dabei die drei akustischen Parameter Lautstärke, Tonhöhenverlauf und Akzentuierung beobachtet. Treten in diesen Bereichen Auffälligkeiten auf, die auch mit Betonungsmustern des 25-Wörter-Tests aus der PLAKSS übereinstimmen, ist eine kindliche Sprechapraxie wahrscheinlich. Die Auswertung des Diagnostikbogens von Birner-Janusch erfolgt per Hand durch das Setzen von Kreuzen und Aufschreiben von Auffälligkeiten und der Berechnung der vorgestellten Formeln.

Nun zusammengefasst noch einmal das Vorgehen im Überblick:

  • Anamnese
  • Überprüfung der neuromotorischen Entwicklung
  • Verhältnis zwischen rezeptiver und expressiver Sprachentwicklung
  • Konsistenzermittlung und Fehlerquote
  • Nachsprechaufgaben
  • Ermittlung der diadochokinetischen Rate
  • Automatisierte Sprache
  • Prosodie

Differentialdiagnostisch müssen folgende Störungen ausgeschlossen werden:

  • Spezifische Sprachentwicklungsstörung
  • Zentral-auditive Verarbeitungsstörung
  • Myofunktionelle Störung
  • Stottern
  • Dysarthrien/Dysglossien
  • Phonologische Störungen
  • Phonetische Störungen
  • Poltern
  • Kindliche Aphasie
  • Selektiver Mutismus
  • Autismus

Literatur

Birner-Janusch, B. (2010). Teil B. Sprechapraxie im Kindesalter. In: Springer, L. & Schrey-Dern, D. (Hrsg.). Sprechapraxie im Kindes- und Erwachsenenalter. 2. Aufl., Stuttgart u.a.: Georg Thieme Verlag, S. 71-127.

Fiori, A. & am Zehnhoff-Dinnesen, G. (2012). Aussprachestörungen. In: Braun, O. & Lüdtke, U. (Hrsg.). Sprache und Kommunikation. Stuttgart: Kohlhammer, S. 347-363.

PRO-ED (2012). STDAS–2: Screening Test for Developmental Apraxia of Speech – Second Edition (9330). Im Internet unter: http://www.proedinc.com/customer/productView.aspx?ID=1831 [Zugriff am 24.06.2016]

Blakeley, RW. (2001). Screening Test for Developmental Apraxia of Speech. 2nd edition. Examinier’s Manual. Austin: Pro-Ed.

Elben, CE. & Lohaus, A. (2000). Marburger Sprachverständnistest für Kinder (MSVK). Göttingen: Hogrefe.

Fox, AV. (2005). Psycholinguistische Analyse kindlicher Sprechstörungen (PLAKSS), 2. Aufl., Frankfurt: Hartcourt Test Service.

Grimm, H. (2000). Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder. Diagnose rezeptiver und produktiver Sprachverarbeitungsfähigkeiten. (SETK-2)., Göttingen: Hogrefe.

Grimm, H. (2001). Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder. Diagnose von Sprachverarbeitungsfähigkeiten und auditiven Gedächtnisleistungen. (SETK 3-5)., Göttingen: Hogrefe.

www.testzentrale.de


2016/11/07 19:23

1)
Anzahl des häufigsten Fehlertyps – 1) / (Anzahl der fehlerhaften Produktionen – 1
diagnostik/sprechapraxie.txt · Zuletzt geändert: 2016/11/07 19:43 von stitzinger
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