HOT Handlungsorientierter Therapieansatz (Weigl/Reddemann-Tschaikner)

1. Grundlegendes

1.1 Was ist HOT?

• HOT = handlungsorientierter Therapieansatz von Irina Weigl und Marianne Reddemann-Tschaikner konzipiert für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen

• Sprache wird hier im Zusammenspiel mit kognitiven, sensorischen, motorischen und emotionalen Entwicklungsbereichen behandelt.

• Ausgangsposition von HOT besteht in der Feststellung des Entwicklungsstandes und des Entwicklungspotentials eines Kindes mit dem Ziel, dass es die Zone der nächsten Entwicklung erreichen kann („Die Distanz zwischen dem aktuellen Entwicklungsniveau, definiert durch die Leistungen selbstständigen Problemlösens und dem potentiellen Niveau das unter der Leitung Erwachsener oder kompetenter Gleichaltriger erreicht werden kann“ Wygotski, 1978)

• Die Handlungsinhalte und die Handlungsstruktur gewährleisten die Entwicklung kognitiver Prozesse in erkennbarem sprachlichen Zusammenhang.

• Das gezielte Angebot von Sprache wird in das Handlungsgeschehen integriert

• Sprachverstehen und die Sprachproduktion werden gefördert

• HOT ist sehr flexibel –> kann auf die Bedürfnisse, das Alter, die Individualität, den Entwicklungsstand und Voraussetzungen des Kindes bezogen durchgeführt werden

1.2 Entstehung des HOT

HOT wurde auf der Grundlage von Therapieerfahrungen mit Kindern entwickelt, die eine bestimmte Art der Sprachentwicklungsstörung aufweisen. Er ist theoretisch interdisziplinär orientiert: die entwicklungspsychologischen, psycholinguistischen und handlungstheoretischen Grundlagen der Spracherwerbsforschungen, die von Irina Weigl sowohl bei sprachauffälligen Kindern als auch bei sprachgestörten Kindern durchgeführt wurden, waren bei der Entstehung des HOT richtunggebend: Der HOT fokussiert auf einen Symptomkomplex:

Die Kinder haben Probleme im Bereich

- der Syntax - der Morphologie - des Sprachverständnisses

Grundlegendes Charakteristikum des Symptomkomplexes war:

• Schwierigkeit in den Bereichen Sequenzierung in Handlungen und Textentwurf, Wortschatz –> Formulierungsschwäche

• Zudem wurden bei diesen Kindern auch Auffälligkeiten im nonverbalen Bereich beobachtet (kognitiver Bereich):

- Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsprobleme - Schwierigkeiten beim Problemlösen und Erstellen eines Handlungsplanes - Schwierigkeiten bei der Sequenzierung und Speicherung von Reihenfolgen

Mit den bekannten Behandlungsprogrammen, die überwiegend mit Bildmaterial üben, waren bei den Kindern mit o.g. Auffälligkeiten nur unbefriedigende Erfolge zu beobachten. Das Bildmaterial beansprucht eine zu hohe Abstraktionsstufe. Ebenso haben sich die Satzmusterübungen als unzureichende Methode erwiesen. Die üblicherweise erfolgreich angewendeten themenbezogenen Therapien, die auf Handlungen basieren wie z.B. B. Zollinger brachten positive sprachliche Ergebnisse. Allerdings besteht hierbei die Gefahr, dass die Kinder sich von den gegebenen Spielmöglichkeiten und von nebensächlichen Reizen ablenken lassen und das gewünschte Handlungsresultat verschwindet.

–> HOT dagegen bietet eine andere Konzeption, die sich von den oben beschriebenen Konzepten unterscheidet:

- In HOT werden die kognitiven Prozesse als vorrangige Bedingung und Unterstützung der Sprachentwicklung betrachtet.

- HOT basiert auf der Annahme, dass Handlung, Perzeption von Sprachmodellen, Sprachproduktion, Förderung der nichtsprachlichen Bereiche eine unzertrennbare Einheit bilden.

Es erwies sich als erforderlich, nicht nur die angebotenen Materialien genau zu bestimmen und einzuschränken, sondern zusätzlich einen engeren Handlungsrahmen herzustellen und somit eine Handlungskette mit Anfang und Ende anzubieten. Das half den Kindern beim Sequenzieren ihrer Handlungen und ermöglichte ihnen das zielgerichtete Zusteuern auf das gewünschte Handlungsresultat.

1.3 Für welche Kinder ist HOT geeignet?

Eine differenzierte Diagnostik vor Therapiebeginn sollte klären, ob das Kind überhaupt mit HOT zu therapieren ist, welche Zielsetzungen die Therapie mit HOT verfolgen sollte, welche zusätzlichen Voraussetzungen für den Einsatz von HOT zu schaffen sind und in welcher Phase von HOT sich das Kind befindet. Ursprünglich wurde HOT für Kinder mit SSES konzipiert. In den letzten Jahren wurde HOT auch bei geistig behinderten Kindern und bei Kindern mit Down-Syndrom durchgeführt.

Die bisherigen Erfahrungen beim Einsatz von HOT haben gezeigt, dass insbesondere Kinder, die motorisch unruhig sind, sich schlecht konzentrieren können oder Entwicklungsstörungen aufweisen, unmittelbar von der Handlungsorientierung profitieren. Der motivierende Effekt der HOT hat sich auch bei Kindern mit Aufmerksamkeitsproblemen, deren Handlungen oft einen impulsiven Charakter haben und die sowohl sprachlich als auch in ihren Tätigkeiten leicht ablenkbar sind, bewährt. Diese Kinder können im Rahmen des HOT erfahrungsgemäß gut zur Mitarbeit angeregt werden.

Ausgangsvoraussetzungen für eine optimale Lernphase im HOT:

  • Eine Aufgabenstellung erfassen
  • Gemeinsame Aufmerksamkeit (joint attention)
  • Konzentration und Ausdauer
  • Feinmotorische Fertigkeiten
  • Kurzzeitspeichern von Teilhandlungen bzw. Teilzielen
  • Nachvollziehen einer Handlungsabsicht
  • Feststellung eines Handlungsresultates
  • Ein Mindestmaß an Abstraktionsvermögen

Falls diese Voraussetzungen nicht vorhanden sind, gibt es viele Fördermöglichkeiten:

  • Durch gemeinsame Spiele die Aufmerksamkeit sowie Motivation, Freude und Neugier beim Kind wecken.
  • Bevorzugung der rezeptiven Ebene: Der Therapeut mach die Handlung vor und spricht dabei, das Kind nimmt Handlung und Sprache wahr und es wird ihm überlassen, ob und wann es spricht.
  • Bevorzugung der konkret-gegenständlichen Ebene: die gedankliche Planung erfolgt zunächst mit Hilfe des Therapeuten.
  • Kleine Schritte: Die Handlungen werden in kurze Sequenzen eingeteilt und durchgeführt. Jede Sequenz wird unmittelbar nach der Durchführung auf die Bildebene übertragen.

1.4 Was kennzeichnet den HOT?

  • Der rote Faden besteht aus einer systematischen, für die Zielstellung adäquat aufgebauten Handlungsfolge.
  • Die Handlungen sind durch Sprache begleitet.
  • Präzise, theoretisch fundierte methodische Schritte unterstützen die Aufnahme, Speicherung und Verarbeitung des Inputs von Handlung und Sprache.
  • Die individuelle Gestaltung der erforderlichen Entwicklungs- und Lernvoraussetzungen
  • Erweiterung der Gedächtnisinhalte
  • Ganzheitliche multidimensionale Förderung aller Persönlichkeitsbereiche

2. Methodik

2.1 Handlungen im HOT

Die Inhalte der Handlungen im HOT sind aus der Umgebung und dem Familienalltag der Kinder gewählt. Dadurch besteht ein gewisser Bekanntheitsgrad. Es sind sogenannte „Skripts“, schematisierte, kulturell standardisierte „Drehbücher“ für alltägliche Handlungen. Skripts arbeiten auf 3 Ebenen: auf der konkret gegenständlichen Ebene, der bildhaften Ebene und der symbolischen, d.h. sprachliche Ebene. Die Funktion der Gegenstände und die Reihenfolge der Handlungssequenzen liegen weitgehend fest. Die Serialität und der hierarchische Aufbau tragen dazu bei, die Handlung leichter zu verinnerlichen. Der oft entstehenden Alltagsfrustration dieser Kinder wird entgegengewirkt, da sie sich über das Resultat der Handlung freuen. Im Alltag sind Wiederholungen möglich.

2.2 Methodisches Vorgehen

2.1.1 Fünf Therapiephasen

1. Vorstellung der Zutaten/Materialien und Geräte (T und K sitzen gemeinsam am „Denktisch“ und überlegen was sie brauchen. Die Gegenstände werden auf den „Arbeitstisch“ gestellt, benannt und kategorisiert.)

2. Übertragung der Begriffe auf Bildebene (Am „Denktisch“ werden die Abbildungen vorgelegt, benannt und kategorisier.t) 3. Handlungsplanung (Am „Denktisch“ werden die einzelnen Schritte geplant.)

4. Durchführung der Handlung (Am „Arbeitstisch“ wird die Handlung vom Kind selbständig durchgeführt.)

5. Versprachlichung der Handlung und Darstellung der Handlungssequenz auf Bildebene (K bekommt die Abbildungen der Handlungssequenzen und soll sie am „Denktisch“ in die richtige Reihenfolge bringen und sprachlich wiedergeben.)

Kategorialer Teil: (Phase 1 & 2)

  • Wortschatzerweiterung
  • Begriffskategorisierung
  • Systematisierung des sprachlichen Wissens
  • Aufbau semantischer Netzwerke und Taxonomien
  • Semantische Beziehungen
  • Vorstufe antizipatorischer Planung

Serialer Teil: (Phase 3, 4 & 5)

  • Seriale Anordnung (Regelhaftigkeit und Systematik)
  • Hierarchischer Aufbau
  • Entwicklung semantischer Beziehungen
  • Sprachliche Modellierung

2.2.2 Erarbeitung auf 3 Ebenen

Zur Behandlung des Sprachverständnisses wird die Handlung systematisch auf 3 Ebenen erarbeitet:

  • konkret-praktische: enaktive Ebene
  • bildliche: ikonische Ebene
  • sprachliche: symbolische Ebene

Die benötigten Gegenstände werden gemeinsam besprochen, konkret bereitgestellt bzw. durchgeführt, noch einmal versprachlicht und dabei bildlich dargestellt.

2.3 Multidimensionale Förderung

Die Kinder lernen die Sprache mit Kopf, Hand, Auge, Ohr, Haut und Herz, allein und gemeinsam mit anderen.

3. Hauptziele des HOT

  • Verbesserung im sprachlichen Bereich: SV, Aussprache, Dialogkompetenz, Wortschatz, Wortfindung, Grammatik, Formulierungsfähigkeit
  • Erweiterung der Handlungskompetenz: Serialität, Antizipation, Problemlösen
  • Verbesserung nonverbaler Entwicklungsbereiche: Wahrnehmung, Motorik, Kognition, ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen
  • Erreichen der ZNE
  • Voraussetzungen schaffen für optimale Lernphase
  • Entwicklung von Handlungsfähigkeiten
  • Erweiterung und Systematisierung der Gedächtnisinhalte
  • Entwicklung innerer Repräsentationen von Handlung und Sprache

Dreh- und Angelpunkte der Therapie

  • Dialog zwischen Sprecher 1 und Sprecher 2
  • Benennen der Objekte
  • Objekte als Realgegenstände
  • Abbildungen von Objekten im Logopädieheft
  • Handlungsplanung in Teilsequenzen am Denktisch
  • Handlungsdurchführung am Arbeitstisch
  • Handlungsergebnis (meist ein Produkt)
  • Verbalisierung der Handlung im Rückblick am Denktisch
  • Abbildungen (Zeichnungen) von Handlungsschritten im Logopädieheft
  • Einbeziehen der Eltern durch Einkauf der Materialien, Handlungsdurchführung zu Hause etc…

–> Es herrscht ein hoher Grad an Strukturiertheit!

4. Pro und Contra

+ -
Leicht in den Alltag integrierbar Hoher Aufwand, der nicht jede Stunde möglich ist
Macht den Kindern Spaß Hoher Grad an Strukturiertheit
HOT ist sehr flexibel Bei der Arbeit am Denktisch muss auf Sprache geachtet werden
Hoher Grad an Strukturiertheit (bzgl. der Strukturiertheit) Werden die Anweisungen verstanden oder nur aus dem Skript auswendig gelernt?
Abläufe sind aus dem Alltag bekannt Globaler Ansatz, Zielsetzung unspezifisch?
Multidimensionaler Ansatz

5. Therapiebeispiel: Zubereitung eines Fruchtcocktails

1. Phase: Vorstellen der Geräte und Zutaten Ziele: Förderung des Sprachverständnisses für komplexe Äußerungen

	Förderung der Wortfindung und Formulierung
	Förderung der Handlungsplanung

2. Phase: Übertragung der Begriffe auf Bildebene Ziele: Förderung der Kategorienbildung

	Förderung der Wortfindung

3. Phase: Erstellung eines Handlungsplanes Ziele: Verbesserung des antizipatorischen Denkens

	Förderung der Wortfindung und Formulierungsfähigkeit

4. Phase: Durchführung der Handlung Ziele: Förderung des Sprachverständnisses für komplexe Äußerungen

	Förderung der Wortfindung und Formulierung
	Förderung der Handlungsplanung

5. Phase: Versprachlichung der Handlung Ziele: Förderung der Formulierungsfähigkeit

	Förderung der Wortfindung
	Förderung der Serialität

6. Literatur

Kannengieser, S. (2009). Sprachentwicklungsstörungen. Grundlagen, Diagnostik und Therapie. München: Elsevier GmbH.

Weigl, I. (2008). Theoretisches und methodisches Vorgehen im HOT: Interaktive Interventionsstrategien. In: Forum Logopädie, Heft 3 (22) Mai 2008, S. 26-31.

Weigl, I. & Reddemann – Tschaikner, M. (2002). HOT – ein handlungsorientierter Therapieansatz bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen. Stuttgart: Thieme Verlag.

hot.txt · Zuletzt geändert: 2011/05/10 22:45 (Externe Bearbeitung)
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