Dysphonien bei Kindern

Sandra Tietge, B.A. Sonderpädagogik, Logopädin

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

Ob und welchem Maße eine Intervention bei kindlichen Dysphonien (Stimmstörungen) angebracht ist, hängt von verschiedenen Parametern ab (vgl. Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 49): Ist die Behandlung (z. B. bei organischen Dysphonien) medizinisch notwendig? Besteht ein subjektiver Leidensdruck beim Kind und bei den Erziehungsberechtigten? Wie groß ist die Motivation zu intervenierenden Maßnahmen? Ergeben sich Nachteile der Entwicklung beim Kind, wenn keine therapeutischen Maßnahmen ergriffen werden? Inwieweit ist die Teilhabe des Kindes durch die Dysphonie eingeschränkt? Inwiefern können für das Kind wichtige Systeme (z. B. Schule, Chor, Fußballmannschaft) in die Therapie mit einbezogen werden? Können stimmhygienische Maßnahmen greifen? Von Bedeutung ist nach einem von Voigt-Zimmermann et al. (2015, S. 44) aufgestellten Konsens eine ausführliche und für Kinder angemessene Diagnostik sowie eine ursachenspezifische Orientierung der Interventionsmaßnahmen.

1. Organische Dysphonien

Bei nicht funktionellen Dysphonien bei Kindern ist es ratsam, dass die Auswahl der passenden Intervention vor allem durch die Ärztin/den Arzt erfolgt. So sieht die medizinische Behandlung beispielsweise phonochirugische Abtragungen vor (z. B. bei Papillomen, Zysten, Polypen) (vgl. Friedrich 2013, S. 92). Anschließende stimmtherapeutische Maßnahmen, um beispielsweise ein möglichst funktionell günstiges Stimmgebungsverhalten zu erlangen, scheinen zusätzlich empfehlenswert (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 18).

Bei Einschränkungen durch Kehlkopffehlbildungen wie zum Beispiel der Kehlkopfasymmetrie sollte über eine sprachtherapeutische Behandlung entschieden werden, um eine unökonomische Sprechweise zu vermeiden (vgl. ebd., S. 16). Bei einem Diaphragma laryngis („Segelbildung zwischen den Stimmlippen“, Hammer 2012, S. 75) scheint ein operativer Eingriff mit gegebenenfalls anschließender stimmtherapeutischer Intervention sinnvoll zu sein, vor allem wenn keine ausreichende Atem- und Stimmqualität gewährleistet sind (vgl. ebd., S. 16f.).

Dysphonien bei Kindern, die durch eine Entzündung verursacht sind, bedürfen ebenfalls bestimmter Interventionsmaßnahmen: So ist bei einer akuten Laryngitis die Einhaltung der Stimmruhe von großer Bedeutung, um Schäden an den Schleimhäuten und der Muskulatur zu vermeiden (vgl. ebd., S. 15, Friedrich 2013, S. 88). Lässt sich keine komplette Stimmruhe einhalten, sollte die Stimme nur stark reduziert, d. h. ohne großen Krafteinsatz, für kurze Sequenzen und in leiser Umgebung verwendet werden (vgl. ebd.). Bei einer Refluxlaryngitis werden zum Beispiel die Erhöhung des Kopfes beim Schlafen, keine Nahrungsaufnahme unmittelbar vor dem Schlafengehen und die Gabe von Medikamenten empfohlen (vgl. Initiative für Kinder mit gastroösophagealem Reflux 2016). Insgesamt sollte je nach Art des organischen Befundes entschieden werden, ob eine medizinische und/oder sprachtherapeutische Intervention erforderlich ist.

2. Funktionelle Dysphonien

Bei primär funktionellen kindlichen Dysphonien scheint es sinnvoll zu sein, mögliche Interventionen mit dem Kind, den Erziehungsberechtigten und der Ärztin/dem Arzt zu besprechen (vgl. Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 49). So sollte individuell eingeschätzt werden, ob zum Beispiel eine Beratung der Erziehungsberechtigten ausreicht oder eine sprachtherapeutische Interventionsmaßnahme notwendig ist (vgl. ebd.). Bei sekundär-organischen Veränderungen (z. B. Stimmlippenknötchen) muss über eine phonochirugische Abtragung entscheiden werden, wobei mit oder ohne Operation stimmtherapeutische Maßnahmen zu empfehlen sind (vgl. ebd., S. 51).

Stimmtherapeutische Interventionen können im Deutschen sowie im Angloamerikanischen in verschiedene Richtungen eingeteilt werden, sodass zwischen verhaltenstherapeutischen, kommunikationstherapeutischen, mehrdimensionalen sowie familientherapeutisch-psychodynamischen Ansätzen unterschieden werden kann (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 72ff., Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 49). Im verhaltenstherapeutischen Ansatz (z. B. Wilson 1972) wird beispielsweise mit operanter Konditionierung und positiver sowie negativer Verstärkung gearbeitet. Kommunikative Ansätze (z. B. Andrews & Summers 2002) beschäftigen sich vor allem mit dem Kommunikationsverhalten. Mehrdimensionale Interventionsmaßnahmen (z. B. Beushausen & Haug 2011) beziehen sich auf die Ebenen des kindlichen Stimmverhaltens, des Verhaltens der kindlichen Umwelt und der sozialen Kommunikation. Familientherapeutisch-psychodynamische Ansätze (z. B. Nienkerke-Springer 2000) arbeiten vor allem systemisch (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 72ff.).

Allgemein werden folgende Interventionsmaßnahmen empfohlen: „Einbezug der Eltern bzw. der Familie und bei Schulkindern … der Lehrer, Beratung zu häuslicher Kommunikation und Stimmhygiene …, Verhaltensintervention oder Diskussion psychodynamische[r] und interpersonale[r] Faktoren, Einbettung von Stimmverhalten in das gesamte Kommunikationsverhalten und das Sprachvermögen des Kindes, Einsatz altersgerechter Übungen, wenn direkte Stimmtherapie erforderlich und möglich [ist]“ (Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 50, angelehnt an Hooper 2004).

Eine Auswahl an Therapiekonzepten für funktionelle Dysphonien bei Kindern ist im Folgenden aufgelistet (vgl. z. B. Spital 2004, S. 50ff., Beushausen & Haug 2011, S. 72ff.):

Literatur

Andrew, M. L. & Summers, A. C. (2002). Voice Treatment for Children an Adolescents. San Diego: Singular Publishing Group.

Beushausen, U. & Haug, C. (2011). Stimmstörungen bei Kindern. M. Grohnfeldt (Hrsg.), Praxis der Sprachtherapie und Sprachheilpädagogik. München: Reinhardt.

Brohammer, C. & Kämpfer, A. (2011). Therapie kindlicher Stimmstörungen. Übungssammlung (2. Aufl.). München: Reinhardt.

Friedrich, G. (2013). Stimmstörungen (Dysphonien) (5. Aufl.). In G. Friedrich, W. Bigenzahn & P. Zorowka (Hrsg.), Phoniatrie und Pädaudiologie. Einführung in die medizinischen, psychologischen und linguistischen Grundlagen von Stimme, Sprache und Gehör (S. 85-110). Bern: Huber.

Hammer, S. S. (2012). Stimmtherapie mit Erwachsenen. Was Stimmtherapeuten wissen sollten (5. Aufl.). M. M. Thiel & C. Frauer (Hrsg.), Praxiswissen Logopädie. Berlin, Heidelberg: Springer Medizin.

Hermann-Röttgen, M. & Miethe, E. (2006). Unsere Stimme. Anatomie – Störungen. Bedingungen der Stimme. Tonale Stimmtherapie. Idstein: Schulz-Kirchner.

Hooper, C. R. (2004). Treatment of Voice Disorders in Children. Language Speech and Hearing Services in Schools, 35, 320-326. Abgerufen von https://libres.uncg.edu/ir/uncg/f/C_Hooper_Treatment%20of%20Voice_2004.pdf

Initiative für Kinder mit gastroösophagealem Reflux. Refluxkinder e. V. (2016). Therapien im Überblick. Abgerufen von http://www.refluxkinder.de/reflux/behandlung.html [29.09.2016]

Kollbrunner, J. (2006). Funktionelle Dysphonien bei Kindern. Ein psycho- und familiendynamischer Therapieansatz. Idstein: Schulz-Kirchner.

Nienkerke-Springer, A. (2000). Die Kinderstimme. Ein systemischer Förderansatz. Neuwied: Luchterhand.

Schulze, J. (2002). Stimmstörungen im Kindes- und Jugendalter. Idstein: Schulz-Kirchner.

Spital, H. (2004). Stimmstörungen im Kindesalter. Ursachen, Diagnose, Therapiemöglichkeiten. L. Springer & D. Schrey-Dern (Hrsg.), Forum Logopädie. Stuttgart: Thieme.

Voigt-Zimmermann, S., Schönweiler, R., Fuchs, M., Beushausen, U., Kollbrunner, J., Ribeiro von Wersch, A. & Keilmann, A. (2015). Dysphonien bei Kindern Teil 2. Interdisziplinärer Konsens zu Diagnostik und Therapie. Sprache, Stimme, Gehör, 39 (01), 44-51.

Wendler, J. & Seidner, W. (2005). Klinik (4. Aufl.). In J. Wendler, W. Seidner & U. Eysholdt (Hrsg.), Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie (S. 139-191). Stuttgart: Thieme.

Wilson, D. K. (1972). Voice Problems of Children. Baltimore: Williams and Wilkins Co.


2016/11/01 08:41

intervention/dysphonien_bei_kindern.txt · Zuletzt geändert: 2016/11/03 17:57 von stitzinger
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