Patholinguistische Therapie nach Julia Siegmüller und Christina Kauschke (2006) (mit Schwerpunkt auf der Ebene Syntax-Morphologie)

Die Patholinguistische Therapie wurde für die Intervention mit spezifisch sprachentwicklungsgestörten Kindern konzipiert.

1. Beschreibung des Störungsbildes

1.1 Symptome im Bereich Morphologie

  • Verbalphrase: fehlende oder fehlerhafte Subjekt-Verb-Kongruenz, unvollständiger Erwerb der Personalformen des Verbs, fehlende Tempusmarkierung, anhaltende Übergeneralisierungen
  • Nominalphrase: fehlende oder fehlerhafte Pluralmarkierung (Numerus), Stagnation im Bereich des Kasussystems, falsche Genuszuordnungen oder Verwendung einer neutralen Platzhalterform

1.2 Symptome im Bereich Syntax

  • Verzögerter Übergang von Einwort- zu Mehrwortäußerungen
  • Reduzierte Äußerungslänge und Satzkomplexität
  • Auslassungen von Funktionswörtern
  • Wortstellungsfehler
  • Geringe Variabilität der Satzarten
  • Geringe Satzkomplexität
  • Geringe Flexibilität der Satzstruktur im Aussagesatz (z.B. keine flexible Vorfeldbesetzung)
  • Geringe Flexibilität in den Argumentstrukturen
  • Spätere Symptome: Probleme mit syntaktisch komplexen Strukturen (z.B. Passiv), eingeschränkte narrative und textgrammatische Fähigkeiten

1.3 Symptom der Verbendstellung

  • Leitsymptom grammatischer Störungen: anhaltende fehlerhafte Platzierung des infiniten Verbs im Aussagesatz
  • V2-underapplier: flektierte Verben verbleiben im Aussagesatz in der Finalposition (syntaktische Problematik)
  • V2-overapplier: unflektierte Verben kommen in die Zweitposition (morphologische Problematik)

1.4 Rezeptive Symptome

  • Eingeschränktes Verständnis von Satzstrukturen
  • Probleme im Verstehen von W-Fragen
  • Eingeschränktes Verständnis der Funktion morphologischer Markierungen
  • Schlechtere Ergebnisse bei Grammatikaltitätsurteilen

Um Lernmechanismen zu aktivieren und eigendynamische Entwicklungsprozesse auszulösen, sind eine günstige Lernumgebung und ein speziell aufbereiteter Input nötig.

2. Therapieaufbau

Vier grundlegende Schritte, die im Laufe einer Therapie vollzogen werden:

  • Wahrnehmung sprachlicher Strukturen
  • Herstellung von Form-Funktionsbeziehungen
  • Reorganisation des Wissenssystems
  • Anwendung neuer Strukturen in aktuellen Sprechsituationen

Patholinguistische Therapie als entwicklungsorientierter, sprachsystematischer Ansatz:

Kennzeichen sprachentwicklungsorientierter Ansätze:

  • Orientierung am ungestörten Spracherwerb als Grundlage der individuellen Therapieansätze
  • Linguistisch geprägt
  • Vorstrukturiertes Vorgehen
  • Schwerpunkt der Intervention liegt auf intensiviertem Sprachangebot

Kennzeichen sprachsystematischer Ansätze:

  • Therapiekonzeption direkt auf die Verbesserung des sprachlichen Wissenssystems ausgerichtet: beziehen sich auf linguistisches Basiswissen, berücksichtigen psycholinguistische Erkenntnisse über Sequenzen und Mechanismen des ungestörten Spracherwerbs

3. Prinzipien

3.1 Theoretische Prinzipien

Prinzip der sprachspezifischen Intervention:

  • Ausrichtung der Therapiekonzeption an der sprachlichen Symptomatik
  • Nichtsprachliche Bereiche kein primärer Gegenstand der Therapie

Prinzip der Entwicklungsorientierung:

  • Entwicklungslogische Ableitung von Therapiezielen
  • Vergleichsdimension: ungestörter Spracherwerb
  • Auswahl des nächsten therapeutischen Ziels liegt in der „Zone der nächsten Entwicklung“

Prinzip der Aktivierung:

  • Ziel : Reaktivierung eigendynamischer Sprachentwicklungsprozesse; Nutzbarmachung von Lernmechanismen
  • Verbesserung der Lernbedingungen, Optimierung des Sprachangebotes → Kind in die Lage versetzen, sprachlichen Input neu zu analysieren

3.2 Prinzipien zur praktischen Umsetzung

Prinzip der dialogischen Einbettung:

  • Durchführung der Therapie in natürlichem und motivierendem Dialogkontext, der auf sprachliches Ziel abgestimmt ist
  • Ziel : Kind erkennt kommunikativen Nutzen einer Erweiterung seiner sprachlichen Kapazitäten

Prinzip der Methodenvielfalt:

  • Kombination verschiedener Methoden: Inputspezifizierung, Modellierung, Übungen, Kontrastierung, Metasprache

Prinzip der Flexibilisierung:

  • Präsentation der Zielstrukturen mit ausreichendem Wortschatz unter Verwendung flexibler und variabler Satzstrukturen
  • Ziel : Erhöhung der Flexibilität im Verständnis und in der Produktion von Satzstrukturen

Zusätzlich zum sprachsystematischem Vorgehen wird auch auf Interdisziplinarität, Förderung voraussetzender Bereiche, Therapieevaluation und Elternberatung Wert gelegt.

4. Vorgehensweise

  • Baukastensystem ermöglicht eine einzelfallbezogene Arbeit innerhalb des strukturierten Grundgerüstes
  • Entwicklung eines eigenen Therapiekonzeptes der Therapeutin nötig
  • Therapiebereiche sind mögliche Therapieziele und -inhalte und chronologisch nach der Entwicklung bzw. dem Vorgehen in der Therapie aufgebaut
  • Für jeden Therapiebereich sind untergeordnete Teilziele gegeben
  • Therapiemethoden sind die Art der Umsetzung eines Übungsbereiches

Das Baukastensystem ist die Zusammenstellung von Therapiebereichen (inkl. Übungsbereichen)und Therapiemethoden, um ein individuelles Therapiekonzept zu erstellen.

5. Methoden

  • Anwendung für jede sprachliche Ebene und Zielsetzung möglich
  • Indirekte Methoden sprechen implizite Lernprozesse an (keine direkte Auseinandersetzung mit den Symptomen): Inputspezifizierung und Modellierung
  • Direkte Methoden beinhalten explizite Lernprozesse (ohne aktiver Beteiligung des Kindes können keine Erfolge erzielt werden): Übung, Kontrastierung und Metasprache

Um einen größeren Therapieerfolg zu erzielen, sollten die Methoden miteinander kombiniert werden, wobei Auswahl, Gewichtung und Reihenfolge der Methoden von Störungsprofil, Alter und Persönlichkeit des Kindes abhängen.

5.1 Inputspezifizierung

  • Ein speziell aufbereiteter Input in der Therapiesituation wird präsentiert, bevor das Kind die Zielstruktur zum ersten Mal anwendet.
  • Das Kind soll für die Zielstruktur sensibilisiert werden

5.1.1 Präsentationsarten

  • Inputsequenz: Input wird in konzentrierter Form vermittelt; gemeinsame Aufmerksamkeit auf bestimmte Situation, Kind hört zu
  • Interaktive Inputspezifizierung: Kind ist aktiv und handelt selbst, hört zu

5.1.2 Techniken

  • Natürlich: grammatisch und prosodisch normale Sprechweise
  • Frequent: sehr häufiges Angebot der Zielstruktur
  • Prägnant: betont; im Fokus der Aufmerksamkeit des Kindes
  • Variabel: Zielstruktur wird mit einem variantenreichen Wortschatz versprachlicht
  • Flexibel: Präsentation des sprachlichen Angebotes in verschiedenen Satzstrukturen
  • Kontrastreich: Zielstruktur wird in einen nachvollziehbaren Kontrast zu anderen Strukturen gesetzt
  • Funktional eingebettet: Verwendung der Zielstruktur in sinnvollen kommunikativen und situativen Zusammenhängen

5. 2 Modellierung

  • Kindliche Äußerungen werden unmittelbar aufgegriffen und gespiegelt oder verändert
  • Modellierung bezieht sich vorwiegend auf aktuelle Zielsetzung und fokussiertes Symptom
  • Modellierung während freiem Spiel, aber auch innerhalb von produktiven Übungen möglich
  • Wenn ein Kind viele Symptome zeigt, besteht die Gefahr der breiten Modellierung

5.2.1 Korrigierende Techniken

  • Korrektives Feedback: kann korrigierend oder vervollständigend eingesetzt werden
  • Metasprachlicher Kommentar: kann positiv („ja“ + korrektives Feedback) oder negativ („nein“ + korrektives Feedback) eingesetzt werden
  • Alternativfrage: kindliche Äußerung wird gegen die Zielstruktur in einer Entscheidungsfrage gestellt und das Kind entscheidet über die Korrektheit
  • Aufforderung zur Selbstkorrektur: Nachfrage und Aufforderung zur erneuten Äußerung; soll nur angewendet werden, wenn nur noch wenig falsche Äußerungen vorkommen

5.2.2 Dialogische Weiterführung

  • Expansion: korrekte Äußerung des Kindes wird durch fakultative Elemente erweitert
  • Extension: kindliche Äußerung wird durch Kohärenzmittel logisch und diskursiv fortgeführt
  • Umformung: Äußerung wird mit Variation der syntaktischen Struktur direkt aufgenommen

5.2.3 Bestätigende Techniken

  • Einfache Wiederholung als positive Verstärkung
  • Metasprachlicher Kommentar als positive Verstärkung

5.3 Übungen

  • In vorstrukturierten Therapieeinheiten wird an der Zielstruktur gearbeitet
  • Vom Kind wird eine rezeptive oder produktive Leistung erwartet

5.3.1 Kriterien für die Gestaltung von Übungen

  • Übungen sollen immer mit anderen Methoden kombiniert werden
  • Übungen sollen in einen sinnvollen Kontext eingebettet werden, wobei der Fokus auf der sprachlichen Anforderung liegt
  • Steigerung bzw. Vereinfachung durch Variationen im Grad der Attraktivität, Spannung und Ablenkung möglich: Komplexität der Spielhandlung, eingebettete Bewegungsabläufe, Art und Umfang des Materials und zusätzliche, nichtsprachliche Anforderungen

5.3.2 Techniken

  • Techniken der Modellierung gelten auch hier
  • Modalitätenbezug: klare Trennung von rezeptiven und expressiven Übungen
  • Kontrast: Gegenüberstellung von transparenten Kontrasten
  • Flexibilität: Flexible Anwendung der Zielstruktur
  • Variabilität: variantenreicher Wortschatz
  • Systematische Alternativen: Handlungsalternativen werden eingeplant
  • Hilfenhierarchie: hierarchischer, abgestufter, geplanter Einsatz von Hilfen

5.4 Kontrastierung

  • Zwei sprachliche Einheiten oder Strukturen werden kontrastiv gegenübergestellt
  • Notwendigkeit der Struktur wird bewusst gemacht, wodurch Kind motiviert wird, sein sprachliches System um die Struktur zu erweitern
  • Aktive Mitarbeit wird vom Kind in der Kontrastsituation gefordert

5.4.1 Techniken

  • Strikte Modalitätenabfolge: Rezeptive vor produktiven Kontrastierungseinheiten
  • Kontextzurücknahme: Präsentation des Kontrastpaares in einer Situation, in der die Unterscheidung der Strukturen unabdingbar ist (keine zusätzlichen nonverbalen Hinweise)
  • Einfache Situationen: Nichtsprachliche Aspekte so gering wie möglich halten
  • Zeitbegrenzung: zeitliche Begrenzung der Kontrastierungseinheiten
  • Entlastende Reaktion: Fehlerproduktionen werden in Feedback-Reaktionen auf den eigenen Höreindruck der Therapeutin zurückgeführt („Ich habe … verstanden.“)
  • Kontrollmöglichkeit: Einsatz von Symbol- oder Bildkarten zur Steuerung und Kontrolle der Produktion

5.5 Metasprache

  • Durch eine direkte Auseinandersetzung mit sprachlichen Regularitäten wird das metasprachliche Bewusstsein des Kindes angesprochen
  • Es wird auf die Strukturen eingegangen, die das nächste Therapieziel darstellen
  • Gemeinsame Reflexion über sprachliche Strukturen und Regeln
  • Hohe Konzentrationsleistung und Bereitschaft nach bewusster Auseinandersetzung mit der Symptomatik sind erforderlich

5.5.1 Techniken

  • Symbolverwendung: konstante, transparente Symbole einsetzen
  • Abstraktheitsgrad: metasprachliches Niveau und Symbole werden an Entwicklungsstand des Kindes angepasst
  • Zeitbegrenzung: nur wenige Minuten aufgrund hoher kognitiver Anforderungen
  • Anbindung: metasprachliche Einheiten werden als einführende Erklärung oder nachfolgende Reflexion an andere Therapieeinheiten angebunden
  • Dosierung: metasprachliche Einheiten sind auf den nächsten zu bearbeitenden Schritt zu beziehen

6. Therapiebereiche

  • Sie bauen aufeinander auf und orientieren sich am ungestörten Spracherwerb
  • Auswahl der Therapiebereiche richtet sich nach Störung und Symptomatik
  • Störungen auf verschiedenen sprachlichen Ebenen werden sukzessive behandelt (mit Erreichen eines Teilziels ist Therapiephase beendet und Ebene kann gewechselt werden)
Sprachliche Ebene Therapiebereiche
Phonologische und phonetische Ebene Wahrnehmung von Lauten/Lautgruppen oder Merkmalen, Minimalpaararbeit, Stabilisierung, Einbeziehung artikulatorischer Anteile
Semantische und lexikalische Ebene Begriffsbildung, Erwerb und Festigung von Wörtern (Wortform und Bedeutung) in Verständnis und Produktion, Strukturierung und Organisation semantischer Repräsentationen, Wortform: Repräsentation und Zugriff, Übertragung in die Spontansprache
Schnittstelle der Ebenen Semantik/Lexikon und Syntax/Morphologie Aufbau des Verblexikons hinsichtlich der Argumentstrukturen, Realisierung von Verb-Argumentstrukturen im Satz
Syntaktische und morphologische Ebene Aufbau von Wortkombinationen, Aufbau und Erweiterung von Satzstrukturen, Korrektur und Flexibilisierung von Satzstrukturen, Ausbau der Konstituenten, Aufbau und Festigung morphologischer Markierungen, Textgrammatik, Übertragung in die Spontansprache

6.1 Einstiegsmöglichkeiten in die Therapie der syntaktischen und morphologischen Ebene

Ziel der Therapie ist es, zum Stillstand gekommene grammatische Systeme zu dynamisieren. Den Grundstein für eine Grammatiktherapie bildet ein ausreichend abgesicherter Wortschatz.

Einstieg 1: Aufbau von Wortkombinationen

  • Für Kinder, deren Äußerungen hauptsächlich aus Einwortäußerungen bestehen, die jedoch einen ausreichend großen Wortschatz für Wortkombinationen haben
  • Ziel: Überwindung der Einwortphase, Aufbau und Erweiterung von Satzstrukturen

Einstieg 2: Aufbau und Erweiterung von Satzstrukturen

  • Für Kinder, die auf einer nicht mehr altersadäquaten Stufe der Grammatikentwicklung verharren, indem sie Sätze mit unflektierter Verbendstellung produzieren

Einstieg 3: Korrektur und Flexibilisierung von Satzstrukturen

  • Für Kinder mit syntaktischem Störungsschwerpunkt
  • Das grammatische System des Kindes wird entwicklungschronologisch erweitert und korrigiert
  • Ziel: Einführen der Verbzweitstellung und Flexibilisierung der Satzstruktur

Einstieg 4: Aufbau und Festigung morphologischer Markierungen

  • Für Kinder mit morphologischer (Rest-)Symptomatik
  • Direkter Einstieg nur dann, wenn keine syntaktische Störung vorliegt
  • Mögliche Inhalte: Aufbau des Personalpronomenparadigmas des Verbs, Tempus-, Numerus- und Kasusmarkierungen
  • Therapie des Bereichs Textgrammatik erst, wenn die notwendigen syntaktischen und morphologischen Fähigkeiten vorhanden sind

6.2 Therapie der Ebene Syntax-Morphologie

Aufbau von Wortkombinationen

  • Ziel: Überwindung der Einwortäußerungen und Erhöhung der Äußerungslänge
  • Bei der Wortkombination werden Wortarten ausgesucht, die typischerweise bei frühen Wortkombinationen von ungestörten Kindern auftreten
  • Übungsbereich 1: „Aufbau von Zwei-und Mehrwortäußerungen“: hochfrequente Präsentation von relationalen Wörtern im Rahmen von Inputspezifizierungen
  • Übungsbereich 2: „Wortkombinationen mit Verben“: Verbindung von vom Kind bereits verwendeten Verben mit relationalen Wörtern und Nomen

Aufbau und Erweiterung von Satzstrukturen

  • Ziel: Kinder mit einer stagnierenden Grammatikentwicklung sollen nun lernen, korrekte und ausreichend komplexe Sätze zu bilden. Dafür sind obligatorische Elemente, wie z.B. Verb-Argument-Strukturen notwendig.
  • Übungsbereich 1: „Anbahnung und Festigung der Verbzweitstellung im Aussagesatz“: Das Kind muss die Satzstruktur und die Wortstellungsregularitäten erkennen. Dabei kann mit dem „du“-Trigger gearbeitet werden.
  • Übungsbereich 2: „Aufbau von Fragestrukturen“: In der Therapie sollte eine natürliche Fragesituation hergestellt werden, um dann zuerst die Fragepronomen, die nach Subjekt und Objekt fragen, herzuleiten und danach die Fragepronomen, die nach adverbialen Bestimmungen fragen, einzuführen. Zuerst wird die Fragestruktur hochfrequent im Input angeboten und darauf folgend werden vorgefertigte Dialoge gesprochen.
  • Übungsbereich 3: „Aufbau von Nebensätzen“: Einführung von Konjunktionen und Relativpronomen, um dann Nebensätze mit diesen Konstruktionen hochfrequent anzubieten

Korrektur und Flexibilisierung von Satzstrukturen

  • Ziel: Überwindung der Verbendstellung, vollständiger Erwerb der Verbzweitstellung und Verwendung flexibler Satzstrukturen
  • Übungsbereich 1: „Korrektur der Verbstellung“: Überwindung der Verbendstellung im Aussagesatz z.B. mit „du“Triggern oder Aufzeigen der Verbposition anhand der Asymmetrie von Haupt-und Nebensätzen
  • Übungsbereich 2: „Flexibilisierung von Satzstrukturen“: Inputspezifizierungen mit Vorfeldbesetzungen durch Adverbiale, Präpositionalphrasen als adverbiale Bestimmung, oder Nebensätze; Inputspezifizierungen mit Objekttopikalisierungen

Ausbau der Konstituenten

  • Ziel: Das Kind soll erkennen, dass der Artikel in der Nominalphrase obligatorisch ist und Nominal- und Präpositionalphrasen sollen ausgebaut werden.
  • Übungsbereich 1: „Aufbau der obligatorischen Artikelposition“: Das Kind soll erkennen, wann Nomen obligatorisch einen Artikel benötigen und wann ein Nomen ohne Artikel stehen kann.
  • Übungsbereich 2: „Ausbau der Nominalphrase“: Es werden indefinite Artikel, Possessivartikel und Demonstrativartikel miteinbezogen. Die Erweiterung der Nominalphrase erfolgt durch Adjektive und Possessivstrukturen. Es erfolgt eine Inputspezifizierung.
  • Übungsbereich 3: „Aufbau der Präpositionalphrase“: Erwerb der verschiedenen Präpositionen anhand von Suchbildern und Verstecksituationen.

Aufbau und Festigung morphologischer Markierungen

  • Ziel: Erwerb noch fehlender Markierungen in der Verbal- und Nominalphrase und Korrektur falscher Markierungen
  • Übungsbereich 1: „Verdeutlichung des Genus von Substantiven“: In der Inputspezifizierung werden dem Kind alle drei Genera an einem exemplarischen Wortfeld verdeutlicht.
  • Übungsbereich 2: „Substantivisches Paradigma: Erwerb des Numerus“: Kontrastives Anbieten von Singular- und Pluralformen von Wörtern, dabei wird häufig das Suffix -n verwendet, da es im ungestörten Spracherwerb häufig zur Übergeneralisierung dient. Danach Einbeziehung weiterer Pluralmarkierungen.
  • Übungsbereich 3: „Substantivisches Paradigma: Erwerb des Kasus“: Zuerst Erwerb des Akkusativs als Objektkasus im Kontrast zum Nominativ. Wenn der Akkusativ auf Dativkontexte übertragen wird, ist die Dativmarkierung der nächste Schritt.
  • Übungsbereich 4: „Verbales Paradigma: Erwerb der Personalformen“: Inputspezifizierungen mit den verschiedenen Personalformen im Kontrast. Rezeptiv soll das Kind z.B. bestimmte Sätze verstehen und ausagieren. Der Erwerb wird in produktiven Übungen gefestigt, indem falsche Formen durch Modellierung korrigiert werden.
  • Übungsbereich 5: „Verbales Paradigma: Erwerb des Tempus“: Der Schwerpunkt liegt im Erwerb des Perfekts, wobei dem Kind das Konzept „abgeschlossen, vorbei“ beigebracht wird. Es erfolgt eine Inputspezifizierung und mit Übungen zur Unterscheidung zwischen Präsens und Perfekt erfolgt eine Absicherung des Wissens. → Generell beginnt man in der Therapie mit dem Aufbau regelmäßiger Formen der Tempusmarkierung, geht dann zur Ableitung der Regel über, um danach die Übergeneralisierung wieder abzubauen.

Textgrammatische Strukturen

  • Treten vor allem im frühen Grundschulalter auf
  • Ziel: Das Kind soll syntaktisch und semantisch nachvollziehbare Handlungssequenzen äußern und eine kohärente Erzählung mit kohäsiven Mitteln gestalten.
  • Übungsbereich 1: „Aufbau und Herstellung der Makrostruktur“: Die einzelnen Anteile der Makrostruktur werden mit Symbolen oder Schriftkarten (z.B. Start, Helden) belegt und metasprachlich erklärt. Die Therapeutin liest eine Geschichte und das Kind zeigt die entsprechende Schriftkarte. Damit das Kind lernt, Geschichten unter Verwendung der Makrostruktur zu erzählen, werden die Rollen von Therapeutin und Kind getauscht.
  • Übungsbereich 2: „Aufbau und Herstellung der Mikrostruktur“: Einführung von Pronomen und Konnexionselementen z.B. anhand von Inputsequenzen. Als rezeptive Übung erzählt die Therapeutin Satzfolgen, welche das Kind mit Figuren ausagiert.

Übertrag in die Spontansprache

  • Dieser Therapieschritt ist nicht immer notwendig, denn wenn sich die in der Therapie erworbenen Fähigkeiten etabliert haben, zeigen sie sich oft auch in der Spontansprache
  • Falls noch keine Übertragung in die Spontansprache erfolgt ist, soll das Kind die erworbenen syntaktischen und morphologischen Strukturen sowohl in gelenkten als auch in freien Situationen anwenden

7. Kritik

Vorteile

  • Alle Störungsbereiche einer SSES therapierbar
  • Viele hilfreiche Tipps zur Therapiegestaltung
  • Individuelles Vorgehen möglich
  • Theorie- und modellgeleitetes Vorgehen
  • Entwicklungschronologischer Therapieaufbau
  • Zusätzliche Informationen über die Störungsprofile
  • Praktische Beispiele und Falldarstellungen enthalten

Nachteile

  • Zusätzliches Material notwendig
  • Kostenaufwendig
  • Intensive Einarbeitungszeit erforderlich
  • Verwendung des beiliegenden Kartensatzes nicht immer eindeutig erklärt
  • Symbolkarten teilweise zu abstrakt

8. Fazit

Die Patholinguistische Therapie bietet eine Auswahl an umfassenden Therapiemöglichkeiten zur Behandlung einer SSES, wobei die Methoden auch auf die Therapie anderer Störungsbilder übertragen werden können.

9. Literatur

  • Kannengießer, S.. 2009. Sprachentwicklungsstörungen: Grundlagen, Diagnostik und Therapie. München: Urban & Fischer Verlag.
  • Kauschke, C. & Siegmüller, J.. 2005.“Prävention – Förderung – Intervention: Ein Plädoyer für die störungsspezifische Einzeltherapie aus der Sicht des patholinguistischen Ansatzes“, in: Die Sprachheilarbeit 6, 286 – 292.
  • Siegmüller, J. & Kauschke, C.. 2006. Patholinguistische Therapie bei Sprachentwicklungsstörungen. München: Urban & Fischer Verlag.
  • Siegmüller, J.. 2003.“ Sprachtherapeutische Intervention bei Störungen auf der grammatischen Ebene bei Schulkindern – Beispiele für Therapieableitungen und inhalte“, in: L.O.G.O.S. interdisziplinär 11, 36 – 42.
intervention/patholinguistische_therapie_nach_kauschke_siegmueller_2006.txt · Zuletzt geändert: 2011/05/10 22:45 (Externe Bearbeitung)
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