Rhinophonie

Miriam Holtmann, B.A. Sonderpädagogik

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

Die Sprachtherapie von Patientinnen und Patienten mit Rhinophonie richtet sich in erster Linie nach der individuellen Ursache. Dabei ist darauf zu achten, dass die Hörwahrnehmungen der betroffenen Personen mit einbezogen werden. So werden diese zur differenzierten akustischen Kontrolle des eigenen Sprechens veranlasst. Im Allgemeinen kann Reizstrom als unterstützende Therapiemaßnahme genutzt werden. Ebenso können Medikamente unterstützend wirken. Biofeedback mit einem flexiblem Endoskop wird nur in Ausnahmefällen genutzt. Häufig wird die Therapie von operativen Eingriffen begleitet oder bestimmt. Vorab wird jedoch immer eine konservative Therapie angestrebt und durchgeführt. Ist diese erfolgslos wir eine Operationsindikation überprüft. (vgl. Seidner 2005, S. 277- 282)

1. Hyperrhinophonie (Offenes Näseln)

1.1. Chirurgische Maßnahmen

1.1.1. Push-back-Operation

Rückverlagerung des Gaumens

1.1.2 Velopharynxplastik

Der mittlere Teil des Gaumensegels wird mit der Rachenhinterwand vernäht.

1.1.3 Verstärkung der Pharynxwand

Ein Faszienstreifen, gewonnen aus der Spaltung der Gefäßscheidenfaszien, wird um den gelähmten Pharynx gewickelt und am Larynx befestigt.

1.1.4 Intravelare Gaumensegelplastik

Die Segelmuskulatur wird gelöst und es findet eine Neuausrichtung und Vereinigung des M. tensor veli palatini, sowie des M. levator veli palatini, statt. Dadurch kann eine ausreichende Beweglichkeit und Länge des Segels erreicht werden.

1.1.5 Augmentation der Rachenhinterwand

Die Rachenhinterwand wird durch Implantation von Rippenknorpel oder Kunststoff verstärkt.

1.1.6 Palatal lifts

Die Prothesen bzw. Gaumenplatten heben das Velum damit es sich der Pharynxwand annähert.

1.1.7 Speech-Bulb-Prothese

Zusätzlich kann eine Speech-Bulb-Prothese eingesetzt werden, die durch ihr knollenförmiges hinteres Ende die Insuffizienz des Gaumensegels weitgehend kompensiert (vgl. Schelten-Cornish 2011). Diese Prothese werden jedoch häufig nicht gut angenommen, besonders dann nicht, wenn sie nicht so weich und biegsam sind, dass sie sich der Bewegung des Gaumensegels anpassen. (vgl. Neumann 2003, S. 337; Seidner 2005, S.277; Böhme 2006)

1.2 Sprachtherapeutische Maßnahmen

1.2.1 Funktionelle Hyperrhinophonie

Hilfreich ist eine forcierte Artikulation, wenn nötig mit unterstützenden Artikulationsübungen. Mit einem Phonendoskop, als Biofeedback, zur Akustischen Kontrolle, kann sich die Behandlungszeit verkürzen. (vgl. Böhme 2015, S. 106)

1.2.2 Kongenital kurzes Gaumensegel

Therapeutische Maßnahmen reichen meist nicht aus, um den Defekt zu kompensieren. Daher muss häufig auf plastische Operationen zurückgegriffen werden. (vgl. Seidner 2005, S. 275)

1.2.3 Gaumensegelparesen

Ziel ist eine Kräftigung des Velums mit Hilfe von Artikulationsübungen, die den nasalen Luftstrom während der Phonation verringern sollen. Diese Sprechstimmtherapie wird auch Stimulationstherapie genannt, da Stimulationsmethoden zum Einsatz kommen. (ebd., S. 276)

Mögliche stimulierende indirekte Artikulationsmethoden sind:

  • Summen (vgl. Böhme 2015, S. 105)
  • Purkinjescher Blählaut: Die Nase wird zugehalten und anschließend die Silben „ibbi“, „ebbe“, „abba“ usw. unter Betonung des Explosivlautes gesprochen. Beim auslautenden Vokal soll der Nasalverschluss plötzlich gelöst werden. (vgl. Seidner 2005, S. 276; Böhme 2015, S. 105)
  • Vokal-Konsonant-Vokal-Reihen: Es werden Silben wie „eta“, „api“, „iku“ (oder „nga“, „ngi“, „nge“, usw.) und Reihen mit Plosiven, die nach und nach lauter und höher gesprochen werden sollen („pa-pa-pa-pa-pá“, „ta-ta-ta-ta-tá“) artikuliert. Diese Übung wirkt ähnlich wie der Purkinjesche Blählaut. (vgl. Seidner 2005, S. 276; Böhme 2015, S. 105)
  • Lauttrennung: Eine systematische Lauttrennung in den Übungen hilft, um der zeitlichen Überlappung der Sprachlaute entgegen zu wirken. Die häufig verringerten Frequenz-differenzen der Formantübergänge können so mit Hilfe von (vergröberten) artikulatorischen Bewegungen bzw. Abläufen weitgehend ausgeglichen werden. (vgl. Seidner 2005, S. 276)
  • Stoßübungen nach Fröschels: Die Kraft einer Muskelgruppe wird auf andere Muskelgruppen zu übertragen (vgl. Böhme 2006). Es werden Stoßbewegungen der Arme vor dem Körper nach unten ausgeführt, dabei soll, übertragen vom Schultergürtel, die Muskulatur von Hals und Gaumen bzw. Velum aktiviert werden (vgl. Hammer 2009, S. 160).
  • Lautes Gähnen bei geöffnetem Mund (vgl. Seidner 2005, S. 276; Böhme 2015, S. 105)
  • Blasversuche: Zur Aktivierung des Gaumensegels und des Velums können leichte Gegenstände weggeblasen werden (z.B. ein Wattebausch). Oder es können Spielzeuge aufgeblasen werden, wobei ein Verschluss der Nase trainiert wird. Eine andere Möglichkeit bietet das Spielen auf Blasinstrumenten oder einer Pfeife, die gut in eine spielerische Therapie integriert werden kann. (vgl. Seidner 2005, S. 276f; Böhme 2015, S. 105)
  • Saugübungen: z.B. mit einem Strohhalm etwas ansaugen und wieder ablegen (vgl. Böhme 2015, S. 105)
  • Gaumensegelsonden: Um die Artikulationsversuche zu Unterstützen können Gaumen-segelsonden eingesetzt werden. Ihr Druck auf des Velum nach hinten oben, kann den Passavant-Wulst zum Abschluss des Nasenrachenraums anregen. (vgl. Seidner 2005, S. 277)
  • Digitale Massagen fühlen sich unangenehm an, wirken meist jedoch stimulierend. (ebd.)
  • Elektrische oder taktile Reflexauslösung an den Gaumenbögen (vgl. Böhme 2015, S. 105)
  • Zusätzliche palatale Trainingsmethoden sind bei Ruscello (1982) tabellarisch aufgelistet.

Für eine ganzheitliche Therapie können zusätzlich folgende Interventionen durchgeführt werden:

  • Korrektur der Haltung anstreben. Um die Motilität des Velopharynx zu aktivieren, ist es ratsam ganzkörperliche Maßnahmen anzuwenden. (vgl. Böhme 2015, S. 105)
  • Hilfreich sind außerdem eine zwerchfellgestützte Respiration
  • und begleitende myofunktionelle Übungen (ebd.).
  • Biofeedback-Verfahren kommen meist nur in Kliniken zum Tragen. Es ist eine unterstützende Methode, die jedoch durch die genannten therapeutischen Maßnahmen ergänzt werden muss. Es werden meist Materialen aus den Diagnostiken verwendet. (vgl. Neumann 2003, S. 338; Böhme 2015, S. 105)

Bis jetzt ist noch nicht nachgewiesen, dass eine Übungstherapie bei organischen Gaumensegel-paresen effektiv ist (vgl. Böhme 2015, S. 106).

1.2.4 Submuköse Gaumenspalten

Ist eine konservative Therapie (Methoden siehe Gaumensegelparesen) ohne Erfolg, muss eine Operationsindikation überprüft werden. (vgl. Seidner 2005, S. 277)

1.2.5 Offene Gaumenspalte

Die Intervention beinhaltet ein komplexes Vorgehen mit notwendiger großer interdisziplinärer Zusammenarbeit (siehe LKGS) (ebd., S. 277- 280)

2. Hyporhinophonie (Geschlossenes Näseln)

2.1 Chirurgische Maßnahmen

Organische Hyporhinophonie Die Behandlung muss die Ursache beseitigen. Häufig sind bei diesem Befund operative Maßnahmen notwendig und anschließend keine postoperativen Übungen notwendig. Dementsprechend fällt die Behandlung in den Bereich der Oto-Rhino-Laryngologie (vgl. Seidner 2005, S. 281; Böhme 2015, S. 107)

Entfernung des Hindernisses in der Nasenluftpassage (z.B. Adenotomie, Tonsillektomie, Nasopharynx-tumore, Korrektur von Septumdeviationen und Choanalatresie) (vgl. Neumann 2003, S. 336)

2.2 Sprachtherapeutische Maßnahmen

Funktionelle Hyporhinophonie Ziel ist es eine physiologische Nasenresonanz zu erreichen.

Zunächst sollte mit Nasalierungsübungen der Laute /n/, /m/ und /ng/ begonnen werden. Aufbauend darauf kann die richtige Verwendung im Wort und anschließend in Texten erarbeitet werden. Ein gedehntes Sprechen der Nasale wird als hilfreich beschrieben. Unterstützend wirken können außer dem Summübungen und eine bewusst erlebte Nasenatmung. (vgl. Seidner 2005, S. 281; Böhme 2015, S.107)

3. Gemischte Hyper-Hyporhinophonie

Die Behandlung richtet sich in erster Linie nach dem behandlungsbedürftigsten Befund (z.B. Entfernung von Tumoren). Ggf. ist eine Stimm- oder Sprechtherapie nachrangig (z.B. bei starker Atembehinderung oder Tumorwachstum und deren Folgekrankheiten). Eine Tonsillektomie oder Adenotomie, bei angeborenen Fehlbildungen des Gaumens, muss immer individuell und mit besonderer Vorsicht entschieden werden. Sind Operationen nötig müssen die Betroffene über eine mögliche Verschlechterung des Stimmklangs und des Sprechens informiert und beraten werden.

Bei Entscheidungen sollte immer beachtet werden, dass eine Hyperrhino-phonie unschöner klingt als gemischtes Näseln. Sollte ein Beseitigen der hyporhinophonen Komponente angestrebt werden, sollten vorher sorgfältige funktionelle und organische Untersuchungen, welche die Stärke der jeweiligen Klangkomponenten beachten, durchgeführt werden.

Sofern die Hyperrhinophonie nur funktionell bedingt ist, kann eine sprachtherapeutische Übungsbehandlung begonnen werden. Diese kann die funktionelle Komponente, bei einer nicht lebensbedrohlichen Erkrankung, aufheben. Anschließend oder vor der sprachtherapeutischen Behandlung kann eine Septumplastik oder Adenotomie durchgeführt werden.

(vgl. Seidner 2005, S. 281f; Böhme 2015, S. 107f)

3.1 Chirurgische Maßnahmen

Entfernung der Blockade in der Nasenluftpassage, der Hyporhinophonie, bei gefährlichen medizinischen Indikatoren, wie z.B. Tumoren (vgl. Neumann 2003, S. 336; Böhme 2015, S. 107f)

3.2 Sprachtherapeutische Maßnahmen

  • Bedingt durch mögliche Operationen
  • Mögliche Therapiemaßnahmen können weiter oben der Hypo- oder Hyperrhinophonie entnommen werden

Weitere konkrete Therapiematerialien, für Betroffene mit Rhinophonie, sind zu finden unter: https://madoo.net.

Literatur

Böhme, G. (Hrsg.). (2006). Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Band 2: Therapie, Kapitel 5: Therapie des Näselns im Kindes- und Erwachsenenalter (4. erweiterte Aufl.). Stuttgart: G. Fischer.

Böhme, G. (2015). Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Band 1: Klinik (4. Aufl., Print-on-Demand Ausgabe der 4. Aufl.). München: Urban & Fischer in Elsevier.

Hammer, S. S. (2009). Stimmtherapie mit Erwachsenen. Was Stimmtherapeuten wissen sollten (4. Aufl.). Heidelberg: Springer (Praxiswissen Logopädie).

Neumann, S. (2003). Rhinophonie und LKGS-Fehlbildungen. In M. Grohnfeldt (Hrsg.), Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie (S. 336–349). Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer (Kohlhammer:Pädagogik).

Ruscello, D. M. (1982). A select review of Palatal Training Procedures. Cleft Palate Journal 19/3, 181–193.

Schelten-Cornish, S. (2011). Die prothetische Behandlung der velopharyngealen Insuffizienz bei Spaltbildungen. Erwiderung auf die Diskussionsbeiträge. Die Sprachheilarbeit 56 (1), 10-11 bzw. 16 – 17.

Seidner, W. (2005). Näseln. In J. Wendler, W. Seidner, U. Eysholdt & H. Appel (Hrsg.), Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie (4., völlig überarb. Aufl., S. 273-283). Stuttgart: Thieme.


2016/10/31 19:08

intervention/rhinophonie.txt · Zuletzt geändert: 2016/10/31 20:24 von stitzinger
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