Sprachverständnisstörungen

Allgemeine Techniken

Zielbereiche

1.Grundlagen des Sprachverstehens vermitteln

  • Die Aufmerksamkeit für Sprache und deren Repräsentationsfunktion (ein Wort bezeichnet etwas), soll beim Kind geweckt werden.
  • Das Kind soll sich seine eigenen Vorstellungen zum Gesagten bilden können.
  • Das Sprachverstehen fordern, indem nicht-sprachliche Informationen (z. B. Gestik) vorenthalten werden vs. das Sprachverständnis durch begleitende nicht-sprachliche Information unterstützen.
  • Methoden um dieses Ziel zu erreichen:
  1. Das Gesprochene mit Sichtbarem z. B. Bildmaterial verknüpfen, um das Verstehen zu erleichtern
  2. die Wirkmacht der Sprache erfahrbar machen, indem z. B. eine Bestellung im Kaufladen zum Ziel führt
  3. Durch Arbeit mit Kopfhörern die Sprache besonders fokussieren

2. Sprachverstehen: Rezeptive Beherrschung einer Zielstruktur

  • Trotz meist komplexem Befund, ist es wichtig, sich pro Therapiephase nur auf 1 bis 2 Zielstrukturen zu konzentrieren.
  • Für die ausgewählte Zielstruktur (z. B. Zielstruktur: Negation) wird im ersten Schritt die Bedeutung dieser Zielstruktur vermittelt, indem diese geäußert wird und eine Abbildung deren Bedeutung veranschaulicht.
  • Im zweiten Schritt folgen dann Sprachverständnisübungen, in denen der Patient z. B. Handlungen nach verbaler Vorgabe der Zielstruktur ausführen soll.

3. Umgang mit der Sprachverständnisstörung

  • Eine Sprachverständnisstörung wird von den Betroffenen oft nur diffus wahrgenommen, die Störung behindert die Kommunikation auf subtile Weise und wird zum Teil vom Umfeld nicht bemerkt.
  • Es soll die Aufmerksamkeit beim Patienten darauf gelenkt werden, wann er etwas versteht und wann nicht.
  • Eine aktive Verständnissicherung von Seiten des Patienten trainieren und eventuell Strategien entwickeln, um Verstehen zu erreichen.
  • Die Betroffenen und deren Umfeld informieren und beraten, wie mit der Sprachverständnissstörung umzugehen ist und welche Strategien die Kommunikation erleichtern.

Zielstrukturen der Sprachverständnistherapie (Kannengieser, 2009)

  • Die Therapie des Sprachverständnisses lässt sich in unterschiedliche Ebenen einteilen, die hierarchisch aufeinander aufbauen. Jede Ebene besteht aus verschiedenen Bereichen unterschiedlicher Komplexität, an denen gezielt gearbeitet werden kann.
  • Je nach Störungsbild setzt man an einer der unteren Ebenen an. Wenn diese beherrscht wird, beginnt die Therapie der nächsten Stufe.
  1. Wortbedeutungsverstehen: Wörter mit abstraktem Bedeutungsgehalt, Oberbegriffe
  2. Wortverstehen für bestimmte Wortarten: Verben, Präpositionen, Fragewörter, Pronomina
  3. Satzverstehen: Attributive Erweiterung, Satz mit zwei/drei Konstituenten, Satzvorfeld, Koordinationen, Subordinationen
  4. Verstehen der Prädikatsstruktur im Satz: Tempus, Negation, Passiv
  5. Verstehen morphologischer Markierungen: Plural, Kasus, Komparativ, Superlativ
  6. Textverstehen: Schilderungen, Geschichten
  7. Kommunikatives Verstehen: Sprechhandlungen

Therapiekonzepte oder -richtungen

1. Monitoring des Sprachverstehens nach Schmitz/ Diem (2007)

  • Monitoring: Überprüfen des eigenen Sprachverstehens und der eigenen Reaktion auf nicht verstandene Äußerungen.
  • Ziele der Therapie:
    • Identifizieren, Benennen und Anwenden von effektivem Zuhören (still sitzen, Sprecher anschauen, Mitdenken).
    • Erkennen, warum eine Äußerung nicht verstanden wurde (akustisch, inhaltlich, Äußerung zu komplex)
    • Erlernen adäquater Reaktionen auf nicht Verstandenes (zurückweisen, nachfragen)
  • Aufbau der Therapie:
    • in 4 Basismodulen und 3 Aufbaumodulen mit jeweils kleinschrittigem Vorgehen.
    • Erstellen von Video- oder Audiosequenzen
  • Methoden:
    • Arbeiten mit nicht verständlichem Material (Störgeräusche, semantisch inkohärente, sachlich falsche Information, zu ungenaue/komplexe/lange Äußerungen.
  • Effektivität:
    • Wurde sowohl für Einzel- als auch für Gruppentherapie nachgewiesen.
  • Reflexion:
    • Klient soll lernen seine Sprachverständnisprobleme wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
    • Positiv: Verständnissicherung in der Kommunikation → Eigenverantwortung
    • Schwierigkeit: Sprachverstehenskontrolle als Strategie situationsabhängig und maßvoll einsetzen, ansonsten evtl. hinderlich für Kommunikation (Hartmann, Keller, Meyer-Endres 2008).

2. Therapie kindlicher Sprachverständnis-störungen nach Baur/ Endres (1999)

Allgemein förderndes Verhalten:

  • Aufmerksamkeit sichern
    • Die Handlung des Kindes unterbrechen und Blickkontakt herstellen
    • Nicht über größere Entfernungen hinweg sprechen
    • Nicht mit dem Rücken zum Kind sprechen
    • Kind in einer Gruppe gezielt ansprechen
  • Modellieren der eigenen Sprache
    • Kurze, einfache Sätze verwenden
    • Informationen in der Reihenfolge wiedergeben, in der sie geplant sind oder ablaufen
    • Langsam und deutlich sprechen, kurze Pausen nach Sinneinheiten machen
    • Wichtige Inhaltswörter betonen
    • Möglichst viel Mimik und Gestik verwenden
    • Nicht Verstandenes langsam, in vereinfachter Form und mit deutlicher Betonung und Gliederung wiederholen
    • Hilfen über visuellen Kanal geben
  • Überprüfen, ob das Kind verstanden hat
    • Nicht fragen „hast du alles verstanden?“ oder sagen „melde dich, wenn du etwas nicht verstehst“, sondern gezielt nach „wann, wie viel, wohin…“ fragen.
    • Reaktionen genau beobachten (Kompensationsstrategien wie häufiges Ja- Sagen)

In spezifischen Fördersituationen:

  • Zusammenhänge visuell zeigen (Symbole, Skizzen, Vormachen)
  • Information in Unterschritte gliedern, kindgerechte Sprache verwenden
  • Spezifische Vokabelhefte anlegen
  • Spickzettel mit Symbolen und den Worten des Kindes anlegen
  • Information auf das Wesentliche beschränken
  • Möglichkeiten erarbeiten, wie das Kind nach Hilfe fragen kann

Reflexion:

  • Der Kommunikationspartner soll sein Sprachverhalten an die Fähigkeiten und Probleme des Klienten anpassen.
  • Positiv: Dem Kind wir die Kommunikation ermöglicht, trotz SV-Störung und das Kind erlernt Strategien.

3. Ansatz von Amorosa & Noterdaeme (2003)

  • Grundelemente der SV-Therapie: Bewusstsein und „Wissen“ des Kindes über kommunikative Funktion der Sprache erweitern →Therapie soll vermitteln, dass Sprache 1. Informationsträger ist und 2. Kommunikationsmittel ist (Sprechen hat Absicht, soll Reaktion auslösen → Prinzip des role-takings klarmachen und umsetzen).
  • In Therapie Situationen schaffen, die Verstehen von Sprache in Mittelpunkt setzen; andere Bereiche (Weltwissen, Situationsverständnis, Ablenkung,…) möglichst ausblenden.
  • Reflexion:
    • Besonderheit an diesem Ansatz: Einsatz von Gebärden und Schriftsprache.
    • Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) v.a. bei schweren SV-Störungen: Parallel zu Lautsprache einsetzen, nur wichtige Inhaltswörter gebärden. Wichtig: nach und nach Gebärden wieder ausblenden, nachdem Kind Strukturen (Wörter, Sätze) erfasst hat.
    • Schriftsprache (bei Lesefertigkeit des Kindes): Dadurch kann sich Kind mehr Zeit zum Erfassen/ Verarbeiten lassen.

4. Multimodales SV-Therapiekonzept: KUBSS, Hartmann/ Keller/ Meyer-Endres (2008)

5 Säulen: Kommunikation, Umfeld, Bewältigung, Strategien, Sprachsystem

Kommunikation aufbauen und differenzieren

  • Ziel: Basiskompetenzen zur Kommunikation, Sprache als differenziertes Kommunikationsmittel vermitteln.
  • Inhalt: Förderung basaler Kommunikationskompetenzen (joint attention, turn-taking, triangulärer Blick). Erleben der Kommunikativen Funktionen von Sprache (Kontakt zu Mitmenschen, Informationsaustausch, beim Gegenüber etwas bewirken).
  • Betreuung durch Sprachtherapeuten und Psychologen.

Umfeld optimieren

  • Ziel: Anpassung der kommunikativen Umgebung um Interaktionsstörungen zu vermeiden/ zu verringern. Verunsicherung des Kindes reduzieren, Sprachangebot optimieren.
  • Inhalt: Sensibilität für Verständnisprobleme, viele nonverbale Anteile in der Kommunikation (Melodie, Mimik, Gestik,…), Anpassung des Sprechens (Deutlichkeit, Tempo, Pausen, Betonung), positiver Korrekturstrategien.
  • Kooperation zwischen Sprachtherapeut und Psychologen idealerweise erforderlich.

Bewältigung

  • Ziel: Klares Selbstbild, Akzeptanz der Behinderung
  • Inhalt: Beantworten von brisanten Fragen („Was ist mit mir los?“, „Was irritiert mich?“, „Wie bin ich?“), Schwierigkeiten thematisieren und Störung erklären, negativem Selbstbild entgegenwirken, Fragen zu Akzeptanz und Bewältigung beantworten („Was kann ich tun?“, „Wie kann ich damit leben?), Aufbau von Selbstbewusstsein.
  • Vermittlung des Störungsbildes durch Sprachtherapeuten, Bewältigung und Selbstbild durch Psychologen.

Strategien erarbeiten

  • Ziel: Kommunikation und Interaktion verbessern, Rezeptiven Spracherwerb erleichtern, Schwierigkeiten kompensieren.
  • Inhalt: Strategien, die das Kind sich selber angeeignet hat, herausarbeiten. Anbieten von Lösungen und Reaktionen bei Missverständnissen.
  • Gemeinsame Arbeit von Sprachtherapeut und Psychologen.

Sprachsystem erweitern

  • Ziel: Verbesserung des Sprachverständnisses.
  • Inhalt: Korrektes Interpretieren nonverbaler Kommunikationsmittel, Aufbau und Erweiterung des SV auf Wort-, Satz- und Textebene.
  • Aufgabe des Sprachtherapeuten.

Reflexion

  • Versuch einer ganzheitlichen Erfassung der Sprachverständnisstörung unter Einbezug psychotherapeutischer Mitarbeit.
  • Positiv: ganzheitliches Therapiekonzept.
  • Schwierigkeiten: ökonomisch schwer zu realisieren, intensive Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten in Praxis evtl. schwer zu ermöglichen.

5. Sprachverständnistherapie nach Zollinger/ Mathieu (Kannengieser, 2009)

  • Sprachverständnis wird definiert, als:
    • das Verstehen sprachlicher Äußerungen
    • das Erkennen der Funktion von Sprache
  • Ziele:
    • Vermittlung des triangulären Blickkontaktes („Ich“, „Du“, Objekt)
    • Übergang vom funktionellen zum Symbolspiel
    • erreichen von Handlungsresultaten durch das Kind
    • Sprache als Handlungsinstrument
  • Therapie wird durch freies Spiel gestaltet, um eine natürliche Interaktion zu schaffen.
  • methodisches Vorgehen der Therapeutin:
    • abwartende Haltung in Bezug auf Kommunikation und triangulären Blickkontakt
    • anregen von Vorstellungen im Spiel (z.B. „Wasser“ als „bittere Medizin“)
    • verdeutlichen des Gegenübers als Person mit eigener Perspektive
    • anbieten einer zunächst sprachlichen, dann handelnden Problemlösung
    • Sprache als Lenkungsinstrument vermitteln
  • Reflexion:
    • Ansatz der sich auf die psychischen und kognitiven Vorrausetzungen für den Spracherwerb konzentriert.
    • Positiv: besonders für sehr junge Kinder geeignet, bei denen die Basiskompetenzen als Voraussetzungen zum Sprachverständiserwerb fehlen.
    • Schwierigkeiten: kein spezieller Ansatz zum sprachsystematischen Arbeiten am Sprachverständnis

Unterrichtskonzepte

Literaturhinweise

  • Amorosa, H. & Noterdaeme, M. (2003). Rezeptive Sprachstörungen. Göttingen [u.a.]: Hogrefe, Verl. für Psychologie
  • Hartmann, K.; Keller, A. & Meyer-Endres, R. (2008). Therapie von Sprachverständnisstörungen im kindes- und jugendpsychiatrischen Kontext. Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (3), 70-113
  • Baur, S. & Endres, R. (1999). Kindliche Sprachverständnisstörungen. Der Umgang im Alltag und in spezifischen Fördersituationen. Die Sprachheilarbeit 44, 318-328
  • Schönauer-Schneider, W. (2008). Monitoring des Sprachverstehens (MSV), comprehension monitoring – Welche Bedeutung hat es für Kinder mit rezeptiven Sprachstörungen?, Die Sprachheilarbeit 53 (2), 72-82
  • Kannengieser, S. (2009). Sprachentwicklungsstörungen – Grundlagen, Diagnostik und Therapie. Kapitel 7: Entwicklung des Sprachverständnisses und Sprachverständnisstörungen. München: Urban & Fischer

2008/11/23 14:44

intervention/sprachverstaendnisstoerungen.txt · Zuletzt geändert: 2011/05/10 22:45 (Externe Bearbeitung)
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