1. Begriffsklärung

Laut dem BELTZ LEXIKON PÄDAGOGIK (TENORTH & TIPPELT, 2007) zeichnet sich Beziehung als durch unterschiedliche und verschiedene Faktoren determinierte Interaktionen zwischen zwei Personen aus.
Erfahrungen, die diese Personen im Verlauf ihres Agierens miteinander oder aus vorangegangen Beziehungen erlebt haben, wirken sich entweder positiv oder negativ auf die aktuelle Beziehung aus. Die Grundlage einer jeden Beziehung ist der Kontakt und die Kommunikation, die sowohl verbal als auch nonverbal ablaufen und entweder bewusst oder unbewusst wahrgenommen werden kann.

Es werden verschiedene Arten von Beziehungen angeführt.
Die funktionale Beziehung wird mit dem Ziel geführt, dass bestimmte Erwartungen erfüllt werden. Um diese Erwartungen erfüllen zu können, entsteht eine gewisse Rollenzuteilung, wie sie auch im Therapeut-Klient-Gefüge zu erkennen ist.
Die persönliche Beziehung entsteht dann, wenn keine soziale Rolleneinteilung erfolgt.
Außerdem können in Beziehungen unterschiedliche Qualitätsmerkmale beobachtet werden, welche vor allem in den Bereichen psychische Nähe, Intimität, Liebe, Macht, Sexualität, Bindung und Unterstützung deutlich werden.
Beziehungen lassen sich des Weiteren in verschiedene Typen im Bezug auf den Verwandtschafts- bzw. Bekanntschaftsgrad klassifizieren.
Die wohl bekannteste Beziehung ist die familiäre Beziehung, ein Bezugssystem, das jede Person wahrnimmt und mehr oder weniger nutzt. Solche familiären Beziehungen können z.B. die Eltern, eine Partnerschaft oder die Geschwister repräsentieren.
Beziehungen unter Gleichaltrigen werden den sog. Peerbeziehungen zugeordnet und oft eher oberflächlichere Beziehungen werden in außerfamiliären Beziehungen wie z.B. bei Nachbarschaftsbeziehungen geführt (TENORTH/TIPPELT, 2007).
Beziehung ist somit „ein theoretisches Konstrukt, nicht direkt beobachtbar, sondern nur aus dem Verhalten der beteiligten Akteure erschließbar“ (SACHSE, 2006, 10).

Eine funktionale Beziehung stellt die therapeutische Beziehung zwischen Therapeut und Klient dar, welche nicht direkt wahrgenommen werden kann.
Auch diese spezielle Art von Beziehung lässt sich nur durch Beobachtung der Verhaltensweisen bzw. durch den Versuch der Verbalisierung erschließen.
Die zu beobachtenden Interaktionen finden über einen längeren Zeitraum statt, wobei sowohl Therapeut als auch Klient gewisse Erwartungen an das Gegenüber hegen, welche jedoch durch den vom Therapeuten entworfenen Therapieplan nur teils erfüllt werden können. Dadurch werden unterschiedliche Emotionen bei beiden Parteien ausgelöst.
Folglich spricht man von einer asymmetrischen Beziehung, da durch die Expertenposition des Therapeuten eine ungleichmäßige Rollenverteilung stattfindet.
Der Therapieplan determiniert zusätzlich auch die zeitliche Dauer der Beziehung. Somit ist die therapeutische Beziehung als spezielle professionelle Beziehung „,stark eingeschränkt, stark regelgeleitet, zeitlich eng definiert', jedoch auch ,hoch spezifisch und hoch spezialisiert' und sie ist im Hinblick auf die Lösung der Klienten-Probleme auch ,hoch effektiv'“ (SACHSE, 2006, 11 f.).
Am Deutlichsten jedoch lassen sich die verschiedenen Beziehungsmerkmale im Beziehungsbaum nach Frey (in: BAUMGARTNER, 2008, 18) zusammenfassen.
Die Wurzeln werden als allgemeingültige Werte der heutigen Gesellschaft interpretiert, wie z.B. der respektvolle Umgang miteinander oder das aufrichtige Gegenübertreten in der Therapie.
Der Stamm charakterisiert wie bei einem realen Baum das Rückgrat des Therapeuten und soll seine Standhaftigkeit ausdrücken. Im Hinblick auf die Beziehung heißt dies, dass der Therapeut niemals die gemeinsam festgesetzten Ziele aus den Augen lässt und unbeirrbar den Weg gemeinsam mit dem Klienten geht.
Die Äste visualisieren sowohl Selbstreflexion, d.h., dass der Therapeut auch andere (wissenschaftliche) Anschauungen und Methoden zulässt, insofern sie den Therapieverlauf unterstützend begleiten, als auch Flexibilität, welche z.B. oft in verschiedenen Sprachlernsituationen verlangt wird (vgl. BAUMGARTNER, 2008).

2. Allgemeine Prinzipien der therapeutischen Beziehungsgestaltung

Bereits 1947 wurde die therapeutische Beziehung von AXLINE als Grundstein für einen zur Heilung zugewandten Therapieprozess gesehen.
Haben Sie [Anmerkung: die Kinder] erst einmal Vertrauen zu einem Therapeuten gefaßt und diesen ebenso angenommen wie er sie, dann gewähren sie ihm Einblick in ihre Gefühlswelt, wodurch der Horizont von beiden, vom Kind und vom Therapeuten, eine Ausweitung erfährt.“ (AXLINE, 1990, 29).
Deshalb soll der Therapeut stets darauf achten, eine angstfreie Situation zu schaffen, in welcher sich das Kind ohne Beklemmung und Schamgefühl frei entfalten kann. Durch das auftretende Störungsbild fühlen sich die Kinder oft eingeschränkt und zeigen Hemmungen, ihre Gefühle laut und deutlich zu äußern.
Somit ist es wichtig, dem Kind durch einige unterstützende Maßnahmen zu zeigen, dass die (Sprach-) Therapie zwar zur Behebung bzw. Verbesserung des Störungsbildes beiträgt, andererseits aber auch wohlwollende Beziehung schafft, da Sprachtherapie Beziehungstherapie verkörpert. Eine solche Atmosphäre, in welcher sich das Kind wohlfühlt, kann dadurch geschaffen werden, indem man verschiedene Prinzipien beachtet und in den Therapieverlauf bewusst einbettet (BAUMGARTNER, 2008).
Im kindzentrierten Konzept zur Gestaltung des Erstkontakts geht WEINBERGER (2006) davon aus, dass die Eltern, falls diese beim Erstkontakt anwesend sind, mit Fragebögen beschäftigt werden, um den Beziehungsaufbau zwischen Kind und Therapeut nicht zu beeinflussen. Somit wird sofort ein intensiver Kontakt zum Kind hergestellt und die Eltern werden bei einem später stattfindenden Gespräch über das weitere Vorgehen aufgeklärt. Dieses Vorgehen erweist als fundiert, da das Kind Wertschätzung erlebt und der Therapeut durch Aussagen der Eltern nicht beeinflusst wird (Priming-Effekt).
Natürlich gibt es keinen „Königsweg“ der therapeutischen Beziehungsgestaltung, auch andere Konzepte wie z.B. das familienzentrierte Konzept von O´Leary haben durchaus ihre Vorteile. Leidet das Kind unter großen Ängsten und empfindet die Bindung zu den Eltern als sehr wichtig, ist das kindzentrierte Konzept von Weinberger nicht zu empfehlen (BEHR, 2006).
Vor allem im Erstkontakt zwischen Therapeut und Kind ist eine positive Grundhaltung seitens des Therapeuten von Vorteil, so dass „eine günstige zwischenmenschliche Beziehung, das Schließen eines vertrauensvollen Arbeitsbündnisses und die Wahrnehmung des Beziehungsgeschehens durch die Beraterperson“ entstehen kann, da „der Schwerpunkt beim Erstkontakt auf dem Beziehungsaufbau“ liegt (BEHR, 2006, 109).
Hierbei existieren verschiedene Schlüsselqualifikationen, die dem Aufbau einer solchen positiven Grundhaltung helfen sollen. Diese Schlüsselqualifikationen werden unter dem Begriff der „allgemeinen Beziehungsgestaltung“ zusammengefasst.
Einen professionell und gleichzeitig „menschlich“ handelnden Kindertherapeuten erkennt man vor allem daran, dass er dem Kind durch sein Wirken Sicherheit vermittelt und ihm volle Aufmerksamkeit und Zuwendung schenkt. Er agiert herzlich und strahlt somit Wärme und Vertrauen aus. Solche Verhaltensweisen werden auch als menschliche Kompetenz bezeichnet (BEHR, 2006).
Der Kindertherapeut passt sich in seiner Wortwahl und in seiner Mimik und Gestik dem Kinde an, man befindet sich auf einer „gemeinsamen Wellenlänge“. Dies ist wichtig, da z.B. ein wohlgemeinter und interessierter Blickkontakt durch das Kind auch als Angriff interpretiert werden könnte. Somit sollte man das Kind genau beobachten und schnell an seine Bedürfnisse anknüpfen.
Natürlich verliert der Therapeut dabei nicht seine Professionalität bzw. seine Autorität.
Nicht nur die Bedürfnisse des Kindes, sondern auch die soziale Lernumgebung sollte beachtet werden, da vor allem oft bei den gestellten Aufgaben, die zur Verbesserung des Problems beitragen sollen, differenziert werden muss, so dass sich das Kind nicht über- bzw. unterfordert fühlt, wobei zusätzlich die bei jedem Kind vorhandenen Ressourcen und Stärken aktiviert werden können und die Motivation länger erhalten bleibt.
Durch diese an das Kind adaptierten Aufgabenstellungen zeigt der Therapeut außerdem, dass er es bei der Bewältigung des (sprachlichen) Problems unterstützt und als beratender Begleiter in einer partnerschaftlichen Beziehung auftritt.
Mit dieser Art von Führen durch die therapeutischen Einheiten sollte der Therapeut immer Transparenz zeigen. Das heißt, die einzelnen Einheiten werden gemeinsam besprochen und falls erwünscht, in einem gewissen Rahmen auch verändert (BAUMGARTNER, 2008).
Diese Vorgehensweisen werden auch als fachliche Kompetenz bezeichnet (BEHR, 2006, 109), d.h., dass der Therapeut Diagnostik, Therapie und Beratung mit einbringt und dabei immer wissenschaftlich arbeitet, indem er sowohl Studien in seine Arbeit integriert, als auch Supervision in Anspruch nimmt.
Er richtet seinen Blick weg vom Störungsbild hin zum gesundenden Kindklienten unter Berücksichtigung der bei jedem Kind vorhandenen Ressourcen.
Nach dem Stuttgarter Konzept der beziehungszentrierten Erstkontakte (in: BEHR, 2006) wird am Ende der Sitzung empfohlen, die Gefühle des Kindklienten anzusprechen und auch die eigenen Emotionen in das Gespräch mit einzubringen. Es wird deutlich, dass Gefühle ein Bestandteil eines jeden Menschen sind und sich derer nicht geschämt werden muss. Durch das Offenlegen der Gefühle des Therapeuten gibt dieser positive Beispiele, woran der Klient anknüpfen kann. Damit fällt es dem Kindklienten leichter, Emotionen zuzulassen.
Auch der Therapieraum sollte aufmerksam und anregend gestaltet werden, vor allem für Kinder sollte ein ausreichendes Angebot an Spielen vorhanden sein, mit welchen es ihnen leichter fällt, die erste Scheu abzulegen. Bunte Bilder an den Wänden, eine wohnliche Atmosphäre, welche einen gewissen Gemütlichkeitsfaktor aufweist und eine Tasse Tee oder Kekse helfen dem (Kind)-Klienten, sich wohl und „aufgehoben“ zu fühlen. Trotz alledem soll dem Grundsatz „Weniger ist oft mehr“ gefolgt werden, so dass das Zimmer nicht zu überladen wirkt (WEINBERGER, 2001).

Insgesamt lässt sich anmerken, dass ein kompetenter Kindertherapeut mit „einem ausgewogenen Verhältnis von Anleiten, Führen, Selbstorganisation und sozial-emotionaler Bindung ein Lernerfolg versprechendes Arbeitsklima, eine hohe Lernbereitschaft und eine Minimierung der Störung des Lernvorgangs“ erreicht wird (BAUMGARTNER, 2008).
Welche dieser Vorschläge zur Verbesserung des Lernerfolges bzw. zur Verbesserung oder Aufhebung des als störend empfundenen Sprachverhaltens führt, ist von Kind zu Kind unterschiedlich und muss teils durch genaue Beobachtung und oft auch intuitiv entschieden werden.

Literaturangabe:
Axline, V. (1990). Kinder-Spieltherapie im nicht-direktiven Verfahren. München: Reinhardt Verlag
Baumgartner, S. (2008). Kindersprachtherapie: eine integrative Grundlegung. München [u.a.]: Reinhardt Verlag
Behr, M. (2006). Beziehungszentrierter Erstkontakt in der heilpädagogischen und psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien, in: Behr, M., Reimitz, J., Steiger, T.: Personzentrierte Kinder- und Jugendpsychotherapie. Person 10. Jg. 2006. Heft 2.
Tenorth, H., Tippelt, R. (2007). Beltz Lexikon Pädagogik. Weinheim, Basel: Beltz Verlag
Sachse, R. (2006). Therapeutische Beziehungsgestaltung. Göttingen [u.a.]: Hogrefe Verlag
Weinberger, S. (2006). Klientenzentrierte Gesprächsführung. Weinheim, München: Juventa Verlag
Weinberger, S. (2001). Kinder spielend helfen. Weinheim, Basel: Beltz Verlag

interventionallg/beziehung.txt · Zuletzt geändert: 2011/05/10 22:45 (Externe Bearbeitung)
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