Dysphagie

Tim Siele, B.A. Sonderpädagogik, Logopäde

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

1. Begriffsklärung Dysphagie

Der Begriff Dysphagie (griechisch: “dys“ für „gestört“, „phagein“ für „essen“) bezeichnet eine Störung des Schluckaktes (vgl. Prosiegel et al. 2010, S.4), der in die vier Phasen „Orale Vorbereitungsphase“, „Orale Transportphase“, „Pharyngeale Phase“ sowie die „Ösophageale Phase“ unterteilt werden kann (vgl. Prosiegel et al. 2010, S.6).

Da das Schlucken zu den lebenswichtigen Funktionen des Körpers zählt, bedeutet eine Störung in diesem Bereich immer auch eine Gefährdung für den menschlichen Organismus (vgl. Schönweiler und Ptok 2010, S.321).

Im Folgenden wird ein Überblick über die Ursachen und Symptomatik von Dysphagien gegeben, wobei bestehende Unterschiede zwischen Dysphagien im Kindes- und Erwachsenenalter dargestellt werden.

Besonderheiten des Schluckmusters von Neugeborenen

Auf Grund von anatomischen Besonderheiten bestehen Unterschiede der Schluckmuster von Säuglingen und Erwachsenen.

Im Bereich der Mundhöhle füllt die Zunge bei Neugeborenen fast den gesamten Mundraum aus und berührt in Ruhelage mit der ganzen Fläche den Gaumen, die Zahnleisten, die Wangen und die Lippen.

Der Unterkiefer ist im Verhältnis zum Oberkiefer geringer ausgeprägt. Der geringe Platz in der Mundhöhle führt dazu, dass die Zungenbewegung während des Saugvorgangs nur in der Horizontalen möglich ist.

Des Weiteren ist die Atmung nur durch die Nase möglich, welche auch während des Saugens ausgeführt werden kann (vgl. Biber 2012, S.32f).

Eine Voraussetzung für das zeitgleiche Saugen und Atmen ist sowohl der geringe Abstand zwischen Zungengrund und Velum, als auch die Tatsache, dass sich Epiglottis und Velum berühren oder überlappen (vgl. Biber 2012, S.33).

Weitere anatomische Unterschiede sind der höhere Sitz des Kehlkopfes, der erst im Laufe der Entwicklung um etwa vier Halswirbel nach unten wandert, sowie deutlich kürzere Stimm-lippen (Biber 2012, S.34).

2. Symptome

2.1 Allgemeine Symptomatik

Laut Schönweiler und Ptok (2010, S.321f) kann von einer „klinisch bedeutsamen“ Dysphagie gesprochen werden, wenn während des Schluckaktes mindestens eines der folgenden Leitsymptome festzustellen ist:

- „Drooling“: Herauslaufen von Nahrung oder Flüssigkeit aus dem Mund, Prosiegel et al., (2010, S.30) verwenden hierfür die Begrifflichkeit „anteriores Leaking“ sowie „posteriores Leaking“ bzw. „Pooling“ für das Abgleiten von Bolusanteilen nach hinten in den Rachenraum.

- „Residuen“: Liegenbleiben bereits geschluckter Nahrung oder Flüssigkeit im Speiseweg, anschließendes Zurückströmen in Nase oder Mund wird als „Regurgitation“ bezeichnet.

- „Aspiration“: Gelangen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Luftwege, dabei kann ein sofortiger, verzögerter oder auch ausbleibender Hustenreiz zu beobachten sein. Bei ungünstigem Verlauf entwickelt sich hieraus eine Lungenentzündung, die sogenannte „Aspirationspneumonie“.

- Bartolome et al. (2014, S.42) erwähnen zusätzlich noch die „Penetration“, also das Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Nase oder in den Kehlkopfeingang oberhalb der Stimmlippen.

- Herauslaufen von Nahrung oder Flüssigkeit aus der Nase.

- mögliche zusätzliche Empfindungen sind subjektive Missempfindung oder Schmerzen sowie das subjektive Gefühl eines „Passagehindernisses“.

2.2. Symptomatik bei frühkindlicher Dysphagie

Zusätzlich zu den bereits beschriebenen Symptomen kann es im Kindesalter zu einer veränderten Symptomatik kommen, welche die Sensibilität betrifft. Dabei kann es zu einer Überempfindlichkeit im orofazialen Bereich kommen, was zu einem ablehnenden Verhalten mit Würgen oder Erbrechen des Kindes führen kann, sobald ein Reiz in diesem Bereich wahrgenommen wird (vgl. Biber 2012, S.85f).

Im Gegensatz dazu kann auch eine herabgesetzte Sensibilität des orofazialen Bereichs auftreten, die häufig am gesamten Körper zu beobachten ist. In diesem Fall beginnen die Kinder erst nach starker Stimulation mit dem Trinken und nehmen dabei viel Milch im Mundraum auf, was die Gefahr eines zu späten Schluckreflexes mit Aspiration erhöht (vgl. Biber 2012, S.87).

3. Ursachen einer Dysphagie

Dysphagien sind auf vielfältige Faktoren zurückzuführen. Dabei werden neben anatomischen Veränderungen und Erkrankungen im neuromotorischen Bereich auch Verzögerungen in der Entwicklung sowie Auffälligkeiten im Verhalten genannt (vgl. Hotz und Spalinger 2009, S.10). Nachfolgend werden einige Ursachen für frühkindliche Dysphagie und Dysphagien im Erwachsenenalter aufgezählt.

3.1. Ursachen von frühkindlicher Dysphagie

Anatomische Ursachen:

- Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, oder Velumspalten

- Fehlbildungen der Zunge

- Mikroretrognathie

- Choanalatresie

- Laryngomalazie

- Tracheoösophageale Fistel

- Larynx- und Ösophagusstenosen (vgl. Biber 2012, S.74)

Genetische Ursachen:

- Apert-Syndrom

- Beckwirth-Wiedemann-Syndrom

- DiGeorge-Syndrom

- Möbius-Sequenz

- Pierre-Robin-Sequenz

- Prader-Willi-Syndrom

- Trisomie 18 (Edwards-Syndrom)

- Trisomie 21

- 5p-minus Syndrom (Cri-du-chat-Syndrom) (vgl. Biber 2012, S.75ff)

Neurogene Ursachen:

- Genetische Syndrome

- Hirn und Rückenmarksfehlbildungen

- Intrauterine Intoxikation wie Alkohol oder Drogenmissbrauch

- Intrauterine Infekte wie Röteln oder Toxoplasmose

- Hypoxisch-ischämische Hirnschädigung

- Frühgeburtlichkeit

- Tumore

- Infektionen: Meningitis, Encephalitis, Poliomyelitis

- Traumatische Encephalopathien und Hirnstammverletzungen

- Akute Bilirubinämie

- Degenerative Erkrankungen der Hirnsubstanz

- Metabolische Encephalopathien (vgl. Biber 2012, S.79)

Richter (2006, zit. in Bartke & Siegmüller, 2010, S.357) gibt als weitere Ursache der kindlichen Dysphagie eine psychogene Komponente an, bei der die Nahrung abgelehnt wird.

3.2 Ursachen von Dysphagie im Erwachsenenalter

- Verminderte Sensibilität im orofazialen Bereich (vgl. Prosiegel et al. 2010, S.30)

- Störung der Mundmotorik (Kauen, Bolussammlung, Boluskontrolle, Bolustransport)

- Verspätete oder ausbleibende Auslösung des Schluckreflexes

- Unvollständiger velopharyngealer Verschluss

- Unvollständiger Verschluss des Zungenbasis-Rachen-Übergang

- Verminderte Hyoid-Larynx-Hebung

- Verringerte Pharynxkontraktion

- Reduzierter laryngealer Verschluss (Kippen der Epiglottis, Schluss von Taschenfalten und Stimmlippen)

- Störung der Öffnung des oberen Ösophagussphinkters (vgl. Bartolome et al. 2014, S.42)

Literatur

Bartolome, G., & Schröter-Morasch, H. (Hrsg.). (2014). Schluckstörungen. Diagnostik und Rehabilita-tion (5. Aufl.). München: Elsevier Urban & Fischer.

Biber, D. (2012). Frühkindliche Dysphagien und Trinkschwächen. Leitfaden für Diagnostik, Manage-ment und Therapie im klinischen Alltag. (1. Aufl.). Wien: Springer Wien.

Hotz, R., & Spalinger, J. (2009). Ess- und Schluckstörungen im Kleinkindesalter. The medical journal, 1, 8-10.

Thiel, M. M., & Ewerbeck, C. (Hrsg.). (2010). Dysphagie. Diagnostik und Therapie Ein Wegweiser für kompetentes Handeln. Berlin, Heidelberg: Springer (Praxiswissen Logopädie).

Schönweiler, R., & Ptok, M. (2010). Phoniatrie und Pädaudiologie. Krankheiten der Sprache, der Stimme und des Gehörs. (4. Aufl.). Lübeck.


2016/11/03 09:41

stoerungsbilder/dysphagie.txt · Zuletzt geändert: 2016/11/03 14:41 von stitzinger
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