Dysphonien bei Kindern

Sandra Tietge, B.A. Sonderpädagogik, Logopädin

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

1. Definition

Eine kindliche Dysphonie (Stimmstörung) kann „als eine über längere Zeit bestehende Beeinträchtigung des Stimmklanges eines Kindes oder eine Beeinträchtigung des Phonationsvorganges“ (Beushausen & Haug 2011, S. 12) bezeichnet werden. Phonation meint dabei die Stimmgebung. Teilweise wird bei kindlichen Stimmstörungen auch der Terminus juvenile Dysphonie verwendet (vgl. Brohammer & Kämpfer 2011, S. 12, Friedrich 2013, S. 102). Bestehen stimmliche Symptome sowie Missempfindungen im Kehlkopfbereich länger als drei Wochen, wird zu einer fachlichen Abklärung geraten (vgl. Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 38). Eine kindliche Dysphonie ist im Säuglings-, Vorschul- und Schulalter möglich. Abzugrenzen davon ist die Mutationsstimmstörung, welche mit dem Eintreten der stimmlichen Mutation beginnt (vgl. Friedrich 2013, S. 104f.). Jungen scheinen häufiger von einer Dysphonie betroffen zu sein als Mädchen (vgl. ebd., S. 102, Beushausen & Haug 2011, S. 12). Wie bei Stimmstörungen im Erwachsenenalter (Dysphonien bei Jugendlichen und Erwachsenen) können Dysphonien bei Kindern – je nach Ursache – in nicht-funktionelle (organische) und funktionelle Dysphonien eingeteilt werden (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 23). Teilweise sind beide Formen jedoch nicht klar voneinander zu trennen (vgl. ebd.). Stimmliche Symptome im Säuglingsalter deuten oftmals auf „Kehlkopfanomalien … genetische, zerebrale und hormonelle Störungen“ (Friedrich 2013, S. 102) hin. Am häufigsten zeigen sich im Vorschul- und Schulalter funktionelle – überwiegend hyperfunktionelle – Dysphonien (vgl. Böhme 2004, S. 197, Friedrich 2013, S. 102). Zudem treten mehrfach sekundär-organische Veränderungen, wie zum Beispiel Stimmlippenknötchen, auf (vgl. ebd.). Angaben zu der Prävalenz von kindlichen Dysphonien schwanken zwischen 6 und 25% (Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 41).

2. Formen von Dysphonien bei Kindern

2.1 Nicht funktionelle Dysphonien

Bei nicht primär funktionell bedingten kindlichen Dysphonien treten „lokale Veränderungen oder Veränderungen im Bereich von Strukturen, die die Stimmgebung beeinflussen“ (Beushausen & Haug 2011, S. 14), auf. Diese Stimmstörungen sind somit organisch verursacht, können jedoch aufgrund der Veränderungen sekundär funktionelle Symptome nach sich ziehen (vgl. Ribeiro 2006, S. 46).

Ursachen und Symptome

Dysplasien/Fehlbildungen: Dysplasien im Larynxbereich (Larynx: Kehlkopf) können zu Stimmstörungen führen. Es handelt sich hierbei um Anomalien im Kehlkopfbereich, die angeboren oder erworben sein können (vgl. Böhme 2004, S. 203). Nicht jede Fehlbildung muss zu einer Stimmstörung führen (vgl. ebd.). Häufig ist ein typisches Symptom die geringe stimmliche Belastbarkeit. Kehlkopfasymmetrien als eine Art der Fehlbildung können unterschiedliche Bereiche des Kehlkopfes betreffen (z. B. Glottisschiefstand, Taschenfaltenhyper- oder -hypoplasie) (vgl. Böhme 2004, S. 204f.). Es müssen sich keine stimmlichen Symptome zeigen, jedoch kann es zu Missempfindungen, einer schnelleren Ermüdbarkeit der Stimme sowie zu einer veränderten mittleren Sprechstimmlage kommen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 16). Unter einem Diaphragma laryngis oder Synechie wird „eine Segelbildung zwischen den Stimmlippen, die entweder angeboren oder durch einen Unfall oder eine Operation verursacht ist“ (Hammer 2012, S. 75), verstanden. Symptomatisch zeigt sich hier ein heiserer Stimmklang, der bis zur Aphonie (Verlust der Stimme) reichen kann, sowie eine oftmals erhöhte mittlere Sprechstimmlage (vgl. ebd., Beushausen & Haug 2011, S. 16). Der Sulcus glottidis als eine weitere Art der Kehlkopfanomalie ist durch eine Furchenbildung der Stimmlippen gekennzeichnet (vgl. ebd., S. 17). Wie stark die Symptome bei dieser Dysphonie (oftmals ein rauer, behauchter Stimmklang mit reduzierter Belastbarkeit) sind, hängt vom Ausprägungsgrad der Furche ab (vgl. ebd., Wendler & Seidner 2005, S. 165).

Entzündungen: Kehlkopfentzündungen können zu kindlichen Dysphonien führen. Vor allem zeigt sich die akute Laryngitis, die oftmals durch Viren, seltener durch Bakterien ausgelöst wird (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 14, Friedrich 2013, S. 88). Zusätzlich können Entzündungen im Larynx u. a. in Verbindung mit Erkältungskrankheiten und Allergien auftreten (vgl. Nawka & Wirth 2008, S. 219). Typische Symptome sind ein heiserer, rauer Stimmklang, wobei in Ruhe aber auch bei Phonation Schmerzen im Kehlkopfbereich registriert werden können (vgl. ebd.). Auch Kinder mit einem Reflux können eine Stimmstörung – die Refluxlaryngitis – entwickeln (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 169, Beushausen & Haug 2011, S. 20). Hierbei handelt es sich um eine Dysphonie, die durch eine Entzündung des Kehlkopfes aufgrund eines Rückflusses der Magensäure verursacht wird (vgl. Nawka & Wirth 2008, S. 232f.). Symptomatisch kann sich das Störungsbild durch einen heiseren Stimmklang, vermehrten Husten und einen Räusperzwang äußern (vgl. Hammer 2012, S. 73).

Papillome: „Papillome sind blumenkohlartig … wachsende gutartige Gewebsneubildungen, die sich auf allen Schleimhäuten im Körper bilden können“ (Wendler & Seidner 2005, S. 175). Sie sind durch humane Papillomaviren verursacht und zeigen eine hohe Neigung für Rezidive (Rückfälle) (vgl. Böhme 2004, S. 120). Die kindliche Stimme ist bei Papillomen im Larynxbereich durch eine starke Dysphonie gekennzeichnet und es können zusätzlich Probleme bei der Atmung auftreten (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 17). Im Kindesalter tritt die Erkrankung (juvenile Papillomatose genannt) gehäuft zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr auf (vgl. ebd., S. 18). Neben der Gefahr der Erstickung durch Atemnot besteht des Weiteren die Möglichkeit der bösartigen Entartung (vgl. Seidner & Wendler 2005, S. 176). Da sich als geeignetste Therapiemethode die Abtragung durch Laser erwiesen hat (vgl. ebd., S. 177) und mehrmalige Operationen aufgrund der hohen Rezidivrate häufig sind, kann es zur Narbenbildung kommen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 18). Das an der Phonation beteiligte Gewebe kann so dauerhaft geschädigt werden, was eine anhaltende Dysphonie zur Folge haben kann (vgl. ebd.).

Zysten: Auch Zysten können im gesamten Bereich des Kehlkopfes auftreten (vgl. Böhme 2004, S. 208). Unterschieden werden kann zwischen einer angeborenen (Epidermoid-) und einer durch einen Sekretstau verursachten (Retention-)Zyste (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 172f.). Erstere ist mit Epithel (Gewebe), letztere mit Flüssigkeit gefüllt (vgl. ebd.). Meist sitzen die einseitig auftretenden Zysten so auf den Stimmlippen, dass der Schluss der Glottis verhindert wird, was zu einer andauernden Dysphonie führen kann (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 18). Vor allem in höheren Tonlagen kann die Stimme eingeschränkt sein (vgl. Nawka & Wirth 2008, S. 245).

Polypen: Polypen auf den Stimmlippen sind „Pseudotumoren“ (Wendler & Seidner 2005, S. 160), die beid- oder einseitig auftreten und eine Stimmstörung entstehen lassen können. Verursacht werden sie durch eine Überbeanspruchung der Stimme, oft in Zusammenhang mit einer chronischen Entzündung (vgl. ebd.). Aus diesem Grund sind sie nicht eindeutig zu den primär organisch bedingten Dysphonien zu zählen. Je nach Sitz der Polypen kann die Stimme stark bis so gut wie kaum beeinträchtigt sein (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 160). Unterschieden werden kann zwischen breitbasigen Polypen, die zu einer anhaltenden Dysphonie führen, und gestielten Polypen, die durch die Einnahme unterschiedlicher Positionen im Kehlkopf eine wechselhafte Symptomatik zeigen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 18f.).

Paresen: Durch Stimmlippenparesen (Parese: inkomplette Lähmung) – ein- oder beidseitig – kann bei Erwachsenen wie bei Kindern eine Dysphonie ausgelöst werden (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 19). Paresen können beispielsweise durch eine Nervenschädigung (z. B. des Nervus laryngeus superior oder inferior, oder des Nervus laryngeus recurrens) bei Operationen oder nach einer Infektion auftreten (vgl. ebd., Friedrich 2013, S. 89). Auch ist es möglich, dass eine Parese bereits bei der Geburt vorhanden ist (vgl. ebd.). Je nach Art der Lähmung zeigen sich unterschiedliche Symptome der Dysphonie. Bei einer Lähmung des Nervus laryngeus superior kann es durch die Einschränkung der Spannungsfähigkeit zum Beispiel dazu kommen, dass keine hohen Töne phoniert werden können sowie die Singstimme beeinträchtigt ist (vgl. Friedrich 2013, S. 89). Eine Parese durch die Schädigung des Nervus laryngeus recurrens kann je nach Stellung der Stimmlippen eine hochgradige Dysphonie bedeuten oder keine Beeinträchtigung der Stimmgebung nach sich ziehen (vgl. ebd., S. 89f.). Zu beachten ist hier auch die Betroffenheit der Atmung, die ebenfalls je nach Stimmlippenstellung in ihrer Funktion eingeschränkt sein kann.

Hormone: Hormonell bedingte Dysphonien sind durch „ein Missverhältnis im hormonellen Regelkreis“ (Beushausen & Haug 2011, S. 21) gekennzeichnet. Störungen verschiedener Hormone können sich auf die Stimmfunktion auswirken. Teilweise können auftretende Stimmauffälligkeiten (z. B. ein eingeschränkter Stimmumfang, auffällige Dynamik) zur Erkennung hormonell bedingter Erkrankungen beitragen (vgl. Böhme 2004, S. 218). Eine hormonelle Erkrankung ist beispielsweise die Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), bei der Kinder einen tiefen und rauen Stimmklang aufweisen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 21). Neben einer Beeinträchtigung des allgemeinen Wachstums und der Entwicklung zeigt sich zu 50% eine Dysphonie als Symptom. Dies ist durch eine verdickte Schleimhaut im Zuge der hormonellen Erkrankung begründet (vgl. ebd.). Des Weiteren können Dysphonien bei Kindern aufgrund von Störungen der Hypophyse (hormonproduzierende und -steuernde Hirnanhangdrüse) auftreten, da bei dieser Erkrankung das Wachstum – und somit auch das des Larynx – betroffen ist (vgl. ebd.). Typische Symptome sind Heiserkeit, Rauigkeit, eine vertiefte mittlere Sprechstimmlage sowie ein eingeschränkter Tonumfang (vgl. Nawka & Wirth 2008, S. 273).

Traumen: Dysphonien aufgrund von Traumen sind auf äußere oder innere Verletzungen zurückzuführen (vgl. Friedrich 2013, S. 95). Je nach Art und Schwere der Verletzung zeigen sich die Symptome der Dysphonie (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 21). So können beispielsweise durch eine Intubation (z. B. Einführung des Beatmungsschlauches bei einer Operation) leichte bis starke Beeinträchtigungen der Phonation auftreten (vgl. ebd.). Bei schweren Larynxtraumen (z. B. durch Autounfälle oder Stürze) muss häufig eine intensivmedizinische Betreuung stattfinden (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 187). Typische Folgen eines Traumas sind die Beeinträchtigung der Stimmlippenschwingung durch Narben und Einschränkungen des Tonumfangs durch zum Beispiel eine Schädigung der Muskulatur (vgl. ebd.).

Multifaktorielle Syndrome und Erkrankungen: Bestimmte Syndrome und Erkrankungen, die eine komplexe Ätiologie aufweisen, können ursächlich für Stimmstörungen im Kindesalter sein. Bereits direkt nach der Geburt ist es möglich, Hinweise auf eine kindliche Stimmstörungen zu erhalten. So zeigt sich beispielsweise eine früh auftretende kindliche Dysphonie beim 5p-minus Syndrom (Cri-du-chat-Syndrom, Katzenschreisyndrom) und bei einer Hyperbilirubinämie (erhöhte Konzentration von Bilirubin im Blut) (vgl. Friedrich 2013, S. 102, Wendler & Seidner 2005, S. 143). Beide Erkrankungen sind durch ein auffälliges Schreiverhalten des Säuglings gekennzeichnet. Auch Kinder mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) können stimmliche Auffälligkeiten aufweisen: Die Stimme ist durch einen tiefen, rauen Stimmklang charakterisiert und ermüdet oft schnell (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 20, Friedrich 2013, S. 102). Zudem können Kinder, die an Myastehnia gravis pseudoparalytika (Muskelschwächeerkrankung) leiden, durch die Betroffenheit der Kehlkopfmuskulatur im Kindesalter eine Dysphonie entwickeln (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 172). Die Stimme ist durch einen resonanzarmen und rhinophonen (näselnden) Stimmklang sowie eine Ermüdung der Stimme gekennzeichnet, wobei die Symptome bei längerer Phonationsdauer zunehmen (vgl. ebd.).

Weitere Ursachen für nicht funktionelle Dysphonien können u. a. sein: Laryngomalazie (Instabilität des Kehldeckels), Larynxhypoplasie (Kehlkopf ist zu klein entwickelt), chronische Laryngitis (chronische Kehlkopfentzündung), LKG - Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten (Fehlbildung der Lippe, des Kiefers und/oder des weichen und/oder harten Gaumens), Rhinophonie (Näseln), bilaterale chronische Hörstörung (beidseitig auftretende Hörstörung), spasmodische Dysphonie (neurologische Erkrankung der Kehlkopfmuskulatur)

2.2 Funktionelle Dysphonien

Funktionelle Stimmstörungen bei Kindern entstehen nicht aufgrund von organischen Ursachen, sondern sind meist durch einen „Fehlgebrauch des Phonationsapparates“ (Beushausen & Haug 2011, S. 23) begründet. Insgesamt ist jedoch von multifaktoriellen Ursachen auszugehen (vgl. Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 43). Neben stimmlichen Einschränkungen und einem gestörtem Stimmklang sind bei funktionellen kindlichen Dysphonien meist keine krankhaften organischen Auffälligkeiten zu finden (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 23, Spital 2004, S. 11). Da oftmals psychogene Aspekte bei kindlichen Dysphonien eine Rolle spielen, müssen diese mitberücksichtigt werden (vgl. Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 42). Wie im Erwachsenenalter lassen sich hypo- und hyperfunktionelle kindliche Dysphonien feststellen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 23). Ribeiro (2006, S. 52) beispielsweise verweist auch auf gemischte Dysphonien, auf welche an dieser Stelle nicht eingegangen wird. In der Praxis kommen vor allem im Vorschul- und Schulalter hyperfunktionelle Dysphonien und sekundär-organisch bedingte Stimmlippenknötchen vor (vgl. Böhme 2004, S. 197).

2.2.1 Hypofunktionelle Dysphonien

Hypofunktionelle Dysphonien bei Kindern zeigen sich in der Praxis viel seltener als hyperfunktionelle Dysphonien (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 25f.). Sie sind durch ein „Zuwenig“ an Muskelspannung charakterisiert (vgl. Beushausen 2015, S. 68). Laryngoskopisch (Laryngoskopie: Methode, bei dem meist mit einem Kehlkopfspiegel die inneren Kehlkopfstrukturen untersucht werden, vgl. ebd., S. 233) ist ein geringer Muskeltonus der Stimmlippen zu erkennen. So kann beispielsweise eine Schwäche des Musculus vocalis (Internusschwäche = ovaler Spalt zwischen den Stimmlippen) und/oder des Musculus transversus ary-taenoideus (Transversusschwäche = im hinteren Drittel der Stimmlippen befindet sich ein dreieckiger Spalt) verzeichnet werden (vgl. Spital 2004, S. 12). Zudem lässt sich im stroboskopischen Befund (Stroboskopie: Methode, bei der mit Blitzlicht die Stimmlippenschwingung sichtbar gemacht wird, vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 234) eine erweiterte Schwingungsamplitude und Randkantenverschiebung (wellenförmige Bewegung der Schleimhaut) feststellen.

Ursachen

Ätiologisch scheint zum einen die Veranlagung von Bedeutung zu sein (vgl. Ribeiro 2006, S. 63). Auch können dabei Aspekte wie Ermüdung oder Erschöpfung, die eine längere Zeit bestehen, eine Rolle spielen (vgl. Hammer 2012, S. 57). Zum anderen werden häufig psychogene Faktoren als mitursächlich für eine hypofunktionelle Dysphonie gesehen (vgl. ebd.). Es kann so zwischen einer primären und einer sekundären hypofunktionellen kindlichen Dysphonie unterschieden werden: Primär bedeutet, dass die Ursachen die Psyche, der seelische Zustand oder „krankhafte Faktoren“ sind, von sekundär spricht man, wenn eine Ermüdung aufgrund von einer langen hyperfunktionellen Anstrengung die Ursache zu sein scheint (vgl. Ribeiro 2006, S. 63).

Symptome

Typische stimmliche Symptome einer kindlichen hypofunktionellen Dysphonie sind (angelehnt an Spital 2004, S.12f.):

  • häufig hoher Luftverbrauch bei Phonation
  • überhöhte oder zu niedrige Indifferenzlage (mittlere Sprechstimmlage)
  • eingeschränkte Stimmdynamik mit leisem, resonanzarmen Stimmklang
  • eingeschränkte Prosodie (häufig monotone Sprechweise)

Typische sekundäre Symptome sind (vgl. ebd.):

  • allgemeinkörperliche Schwäche
  • hypofunktionelle Haltungstendenz
  • flache Atmung mit Einschränkung der reflektorischen Atemergänzung

Teilweise sind bei Kindern mit einer hypofunktionellen Dysphonie auch Symptome einer hyperfunktionellen Dysphonie als Kompensation der Hypofunktion zu erkennen. Dieses nennt sich dann sekundäre hyperfunktionelle Dysphonie und wird zu den hyperfunktionellen Dysphonien gezählt (vgl. Böhme 2004, S. 19, Brohammer & Kämpfer 2011, S. 17).

2.2.2 Hyperfunktionelle Dysphonien

Hyperfunktionelle Dysphonien sind durch ein „Zuviel“ an Muskelspannung bei Phonation charakterisiert (vgl. Beushausen 2015, S. 68). Sie scheinen die häufigste Form der kindlichen Dysphonien darzustellen, wobei viele Kinder zusätzlich sekundär-organische Stimmlippenknötchen aufweisen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 25). Der laryngoskopische Befund ist entweder unauffällig oder weist eine Rötung sowie zähflüssigen Schleim auf (vgl. Spital 2004, S. 12). Bei längerem Bestehen der Hyperfunktion kann auch eine Schwellung der Stimmlippen zu erkennen sein. In der Stroboskopie fällt eine verminderte Randkantenverschiebung sowie eine unregelmäßige Schwingung der Stimmlippen auf.

Ursachen

Es wird davon ausgegangen, dass „vor allem ein forciertes und unkontrolliertes Sprech- und Schreiverhalten sowie fehlende Stimmgewohnheiten“ (Friedrich 2013, S. 102) von Bedeutung sind. Die Folge – eine Überforderung des Stimmapparates – kann zur Ausbildung einer kindlichen hyperfunktionellen Dysphonie führen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 31). Zudem scheint häufig eine psychische Problematik mitbedeutend zu sein (vgl. Voigt-Zimmermann et al. 2015, S. 38). Faktoren wie die verschiedenen Entwicklungsbereiche des Kindes, seine sozialen sowie familiären Einflüsse müssen berücksichtigt werden, wobei alles in einem „biosozialen Ursachengefüge“ in Wechselbeziehung zu einander zu stehen scheint (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 34ff., S. 43):

Subjektbezogene Faktoren: Ursachenfaktoren, die im Kind liegen, beziehen sich überwiegend auf die Bereiche Motorik, Kommunikation und Emotion (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 34ff.). Auch Gewohnheiten sowie Aspekte der auditiven Wahrnehmung können berücksichtigt werden. Beispielsweise zu nennen sind (vgl. ebd., S. 34ff., Spital 2004, S. 14f.):

  • motorische Auffälligkeiten (z. B. zu viel oder zu wenig Krafteinsatz in Fein- und/oder Grobmotorik)
  • myofunktionelle Störungen (Störungen der Muskulatur im Mund-Gesichtsbereich)
  • Dysbalance in den kommunikativen Fähigkeiten (z. B. vokale Komponente überwiegt, verbale und nonverbale Komponenten sind weniger entwickelt)
  • Kontrast von Persönlichkeit des Kindes und dem äußeren Auftreten (häufig hohe Sensibilität bei gleichzeitig selbstbewussten Auftreten)
  • geringe Frustrationstoleranz
  • unphysiologisches stimmliches Verhalten (z. B. in Lärmsituationen, häufiges Räuspern)
  • Singen in falscher Tonhöhe
  • Hör- und auditive Wahrnehmungsprobleme (z. B. durch eine Schallleitungsschwerhörigkeit)

Soziale Faktoren: Auch soziale Einflüsse können Mitverursacher einer kindlichen hyperfunktionellen Dysphonie sein. So sind u. a. folgende Aspekte als Einflussfaktoren denkbar:

  • ungünstige stimmliche Vorbilder (z. B. Zeichentrickfiguren aus dem Fernsehen, musikalische Vorbilder, Dysphonien bei Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräften)
  • hoher Leistungsdruck in Kindergarten, Schule, Freizeit etc.
  • wenig Platz, um sich körperlich zu bewegen

Familiäre Faktoren: Vor allem das Familiensystem kann zur Entstehung kindlicher Dysphonien beitragen (vgl. Beushausen & Haug 2011, S. 39). Zudem spielen das familiäre Kommunikationsverhalten und der Erziehungsstil eine Rolle. Ursächlich können sein (vgl. ebd., S. 40ff.):

  • Konflikte zwischen den Geschwistern (oft gibt es ältere Geschwisterkinder)
  • Umgebungston und allgemeiner kommunikativer Umgang in der Familie (z. B. laute Sprechweise, Eltern weisen eine Dysphonie auf)
  • antiautoritärer Erziehungsstil (wenige Grenzen bedeuten oft auch wenige stimmliche Grenzen)

Symptome

Folgende primäre stimmliche Symptomatik kann sich bei kindlichen hyperfunktionellen Dysphonien zeigen (vgl. Spital 2004, S. 12f., Beushausen & Haug 2011, S. 27ff.):

  • heiserer, rauer und gepresster Stimmklang mit teilweise aphonen Anteilen
  • veränderte Sprechstimmlage
  • überhöhte Dynamik
  • eingeschränkte Modulationsbreite und reduzierter Stimmumfang
  • pathologische Stimmein- und -absätze
  • vermehrtes Räuspern
  • Rückverlagerung der Artikulation und des Stimmansatzes

Als sekundäre Symptome sind u. a. denkbar (vgl. ebd.):

  • Anspannung der Hals-, Kiefer- und Artikulationsmuskulatur
  • Hervortreten von Halsvenen und Geräusche bei der Einatmung
  • ganzkörperliche Verspannungen oder Anspannungen
  • brennendes, kratzendes, trockenes Gefühl im Larynxbereich

Zudem treten bei Kindern mit hyperfunktioneller Dysphonie sehr häufig sekundär-organische Veränderungen (Stimmlippenknötchen) auf (vgl. Beushausen 2015, S. 68).

2.2.3 Sekundär-organische Veränderungen

Durch eine hyperfunktionelle Dysphonie können bei längerer Dauer sekundär-organische Veränderungen entstehen (vgl. Friedrich 2013, S. 98). Im Kindesalter kommen vor allem Stimmlippenknötchen vor.

Stimmlippenknötchen (oder auch Schreiknötchen): Stimmlippenknötchen treten im Verhältnis 3:1 vermehrt bei Jungen auf (vgl. Nawka & Wirth 2008, S. 237). Es handelt sich um bilaterale Verdickungen in der Mitte der Stimmlippen, die oftmals im Rahmen einer hyperfunktionellen Dysphonie entstehen (vgl. Böhme 2004, S. 206). Unterschieden werden kann zwischen weichen und harten Phonationsverdickungen (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 158). Dabei ist ein fließender Übergang von einer rein hyperfunktionellen Dysphonie zur Entstehung ödematöser (weicher) Strukturen zu harten, fibrösen Knötchen zu verzeichnen (vgl. ebd.). Typisch ist laryngoskopisch eine Sanduhrglottis zu erkennen (vgl. ebd.). Stroboskopisch fällt eine reduzierte Schwingungsamplitude sowie eine fehlende Randkantenverschiebung im Bereich der Knötchen auf. Ursächlich scheint ein übermäßiger, unphysiologischer Stimmgebrauch (im Rahmen einer hyperfunktionellen Dysphonie) und die damit verbundene Gewebsbelastung zu sein (vgl. ebd.). Zudem können Faktoren wie die Konstitution, Allergien und Entzündungen eine Rolle spielen (vgl. Friedrich 2013, S. 100). Symptomatisch zeigt sich vor allem bei Kindern eine Rötung der Stimmlippen sowie ein belegter, heiserer, rauer Stimmklang mit häufig auftretenden Missempfindungen (vgl. Wendler & Seidner 2005, S. 158). Die Größe der Stimmlippenknötchen steht in keinem Zusammenhang mit dem Grad der Dysphonie (vgl. Böhme 2004, S. 206). Stimmlippenknötchen bilden sich bei Jungen oftmals, bei Mädchen eher weniger zurück (vgl. Hammer 2012, S. 71). Da das Phonationsmuster, das häufig Stimmlippenknötchen mitverursacht, oft dauerhaft bestehen bleibt, kann eine funktionelle Dysphonie trotz Rückbildung der Stimmlippenknötchen weiterhin bestehen bleiben oder im Erwachsenenalter erneut auftreten (vgl. ebd.).

Weitere sekundär-organische Veränderungen: Hyperämie (Erweiterung der Stimmlippengefäße), Kontaktgranulom (geschwulstartige Gewebsveränderung)

Literatur

Beushausen, U. (2015). Kindliche funktionelle Dysphonien. Sprache, Stimme, Gehör, 39 (02), 68.

Beushausen, U. & Haug, C. (2011). Stimmstörungen bei Kindern. M. Grohnfeldt (Hrsg.), Praxis der Sprachtherapie und Sprachheilpädagogik. München: Reinhardt.

Böhme, G. (2004). Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Band 1: Klinik (4. Aufl.). München, Jena: Urban & Fischer.

Brohammer, C. & Kämpfer, A. (2011). Therapie kindlicher Stimmstörungen. Übungssammlung (2. Aufl.). München: Reinhardt.

Friedrich, G. (2013). Stimmstörungen (Dysphonien) (5. Aufl.). In G. Friedrich, W. Bigenzahn & P. Zorowka (Hrsg.), Phoniatrie und Pädaudiologie. Einführung in die medizinischen, psychologischen und linguistischen Grundlagen von Stimme, Sprache und Gehör (S. 85-110). Bern: Huber.

Hammer, S. S. (2012). Stimmtherapie mit Erwachsenen. Was Stimmtherapeuten wissen sollten (5. Aufl.). M. M. Thiel & C. Frauer (Hrsg.), Praxiswissen Logopädie. Berlin, Heidelberg: Springer Medizin.

Nawka, T. & Wirth, G. (2008). Stimmstörungen. Für Ärzte, Logopäden, Sprachheilpädagogen und Sprechwissenschaftler (5. Aufl.). Köln: Deutscher Ärzte-Verlag.

Ribeiro, A. (2006). Funktionelle Stimmstörungen im Kindesalter. Eine psychologische Vergleichsstudie. Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V. (Hrsg.), Idstein: Schulz-Kirchner.

Spital, H. (2004). Stimmstörungen im Kindesalter. Ursachen, Diagnose, Therapiemöglichkeiten. L. Springer & D. Schrey-Dern (Hrsg.), Forum Logopädie. Stuttgart: Thieme.

Voigt-Zimmermann, S., Schönweiler, R., Fuchs, M., Beushausen, U., Kollbrunner, J., Ribeiro von Wersch, A. & Keilmann, A. (2015). Dysphonien bei Kindern Teil 1. Interdisziplinärer Konsens über Definition, Pathophysiologie und Prävalenz. Sprache, Stimme, Gehör, 39 (01), 38-43.

Wendler, J. & Seidner, W. (2005). Klinik (4. Aufl.). In J. Wendler, W. Seidner & U. Eysholdt (Hrsg.), Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie (S. 139-191). Stuttgart: Thieme.


2016/10/28 08:09

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