Myofunktionelle Störungen

Inga Marlen Bäte, B.A. Sonderpädagogik, Logopädin

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

1. Definition

Als Myofunktionelle Störungen (MFS) werden Beeinträchtigungen der Muskelfunktionen, des Bewegungsablaufs und des Muskeltonus im orofazialen Bereich (Gesicht, Mund, Nase, Rachen) bezeichnet. Diese lassen sich unterteilen in Fehlsteuerungen der Bewegungsabläufe der Kau- oder der mimischen Muskulatur und Fehlsteuerungen und Koordinationsschwierigkeiten von Funktionen (z.B. Atmen, Trinken, Schlucken u.a.) sowie Störungen des muskulären Gleichgewichts (vgl. Hahn & Hahn 2003, S. 206). Neben diesen primär-orofazialen Störungen können auch Sekundärfunktionen, wie die Artikulation oder die Phonation beeinträchtigt sein (vgl. Kittel 2014, S. 31ff.). Die MFS tritt vorwiegend im Kindesalter auf und macht sich in seiner häufigsten Form durch ein ausgeprägtes Zungenpressen bemerkbar (vgl. Meilinger 1999 zitiert nach Hahn 2002, S. 17). Für den Begriff Myofunktionelle Störung werden in der Fachliteratur verschiedene Synonyme gebraucht: orofaziale Störung, orofaziale Dysfunktion, mundmotorische Störungen, engl. myofunctional disorders, orofacial disorders (Hahn & Hahn 2003, S. 206).

2. Ursachen

Die Ursachen einer MFS sind vielfältig und können durch eine große Anzahl unterschiedlicher Faktoren begünstigt werden. Dabei gestaltet es sich allerdings schwierig klar abzugrenzen, ob ein Faktor primär störungsauslösend, als Begleitphänomen oder als Sekundärerscheinung auftritt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Faktoren individuell unterschiedlich wirken und sich gegenseitig beeinflussen können. Es gilt daher stets zu beachten, dass die MFS, das Ergebnis eines komplexen Ursachengeflechts darstellt (vgl. Meilinger 1999, S. 80). Bereits während der Embryonalzeit kann es zu bestimmten Störungen kommen, die sich in einer späteren MFS erkenntlich machen können. Nachfolgend soll einen Überblick (nicht abschließend) über die derzeit in der Literatur diskutierten Ursachen einer MFS gegeben werden (vgl. Clausnitzer 2004, S. 23ff.; Bigenzahn 2003, S. 29f.; Böhme 2003, S. 84; Meilinger 1999, S. 80ff.). Die verschiedenen Ursachen und Symptome können einzeln aber auch gebündelt auftreten und unterscheiden sich von Person zu Person. Dabei lassen sich die Ursachen in die Kategorien „organisch/medizinisch“, „funktionell/motorisch“ und „habituell“ unterteilen.

2.1 Organisch/medizinische Ursachen

Zu den organisch/medizinischen Ursachen gehören genetische Einflussfaktoren, unter die beispielsweise auch Trisomie 21 oder das Pierre-Robin-Syndrom zu fassen sind. Daneben können auch Umstände bei der Geburt als Ursachen für eine spätere MFS angeführt werden. Dazu zählen insbesondere Frühgeburten, verschiedene Geburtsschäden sowie ein zu geringes Geburtsgewicht (unter 1.500g). Weitere organisch/medizinische Ursachen können Entzündungen im orofazialen Bereich, Polypen, Spaltbildungen (z.B. Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte), Dysgnathien, Verletzungen, Tumore, Tonsillenhyperplasie oder Ankyoglossie sein. Zu den Dysgnathien zählen beispielsweise ein offener Biss, Distalbiss, Kreuzbiss, Prognathie und Progenie (vgl. Böhme 2003, S. 89f.). Ein offener Biss gilt als die häufigste Zahnanomalie und kennzeichnet sich dadurch, dass sich Zahnreihen beim Biss nicht berühren. Am häufigsten betroffen sind dabei die Frontzahnreihen (vgl. Böhme 2003, S. 89f.). In der Folge entsteht oftmals ein Sigmatismus, indem die Betroffenen die Zunge in die entstandene Lücke pressen.

2.2 Funktionell/motorische Ursachen

Als funktionell/motorische Ursachen einer MFS lassen sich Wahrnehmungsstörungen, Motorikstörungen und schlechte Kopf- und Körperhaltungen auflisten. Weiterhin können auch falsche Atemtechniken (insbesondere Mundatmung) und Schluckmuster funktionell/motorische Ursache einer MFS sein. Schließlich können sich auch bestimmte frühkindliche Reflexe begünstigend für eine spätere MFS auswirken.

2.3 Habituelle Ursachen

In den meisten Fällen ist eine MFS nicht vollständig auf organisch/medizinische oder funktionell/motorische Ursachen zurückzuführen, sondern ist auch wesentlich von den Angewohnheiten und Verhaltensweisen der Patienten und Patientinnen beeinflusst. Dies kann schon mit einer falschen Ernährung im Säuglings- oder Kleinkindalter beginnen. Durch eine Flaschenernährung mit zu großem Saugloch oder unphysiologischem Sauger kann ein falscher Saugreflex eintrainiert werden. Daneben werden unter Umständen auch die Kau-, Lippen-, und Zungenmuskulatur nur unzureichend ausgebildet. Auch eine nicht altersbedingte Nahrung kann zu einer späteren MFS beitragen. Daneben lassen sich eine Vielzahl an oralen Habits wie z.B. das Daumenlutschen oder das Zungenpressen aufführen, die eine MFS begünstigen können. Schließlich fallen auch psychischer Stress, Interaktionsstörungen und weitere negative soziale Faktoren, die sich oftmals zuerst im Mundbereich bemerkbar machen unter die habituellen Ursachen einer MFS.

3. Formen/Symptomatik

Die MFS kann in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen auftreten. Dabei kann nach Hahn und Hahn (2003, S. 206) zwischen Dyskinesien des äußeren (Wangen, Kinn, Lippen) und des inneren (Zunge, Gaumen) Funktionskreises unterschieden werden. Zu den Dyskinesien des äußeren Funktionskreises sind unter anderem die folgenden Anzeichen zu fassen:

  • Lippeninkompetenz
  • offene Mundhaltung und Mundatmung
  • Hypo/Hypertonie der Lippen und Wangenmuskulatur
  • Wangensaugen und -beißen (Orale Habits)
  • auffällige Mundmotorik
  • Hyperaktivität des Musculus Mentalis
  • Parafunktion der mimischen Muskeln

Zu den Dyskinesien des inneren Funktionskreises gehören beispielsweise:

  • alle Formen der hypo-/hypertonen oder vorverlagerten Ruhehaltung der Zunge an den Schneidezähnen oder zwischen den Zahnreihen
  • alle Formen des falschen Schluckens (Zungenstoß)
  • Parafunktionen (sinnlose Bewegungen) der Zunge
  • Zungenbrennen/Zungenbeißen

Zumeist treten die Symptome bei den Betroffenen in Verbindung mit unterschiedlichen Begleitsymptomen auf, die in engen Wechselbeziehungen zueinander stehen. Dazu gehören insbesondere Fehlhaltungen und grobmotorische Entwicklungsrückstände (vgl. Hahn & Hahn 2003, S. 206). Im Folgenden sollen einige der häufig auftretenden Symptome und Begleiterscheinungen näher beschrieben werden.

Lippeninkompetenz Die Lippeninkompetenz kann durch eine falsche Lippenruhelage, einen unausgeglichenen Lippentonus oder durch falsche Lippenfunktionen beim Schlucken gekennzeichnet sein (vgl. Kittel 2014, S. 14ff.). Eine falsche Lippenruhelage äußert sich häufig durch einen leicht oder auch weit offen stehenden Mund. Begleitet wird diese Symptomatik durch eine Tonusänderung, in dessen Folge sich oftmals die Oberlippe durch die Inaktivität verkürzt und die Unterlippe nach außen rollt (vgl. Kittel 2014, S. 14ff.). Durch diese Lippenveränderung steht bei den Patienten und Patientinnen häufig der Speichel in den Mundwinkeln, was zu vermehrten Entzündungen und Rissen führt und oftmals ein unbewusstes Lippenlecken bedingen (vgl. Kittel 2014, S. 14ff.). Die schlaffen Lippen erschweren die Schluckfunktion, weil das Offenstehen der Lippen den beim Schlucken erforderlichen Unterdruck verhindern. Dies wird durch ein Gegenpressen der Zunge gegen die Zähne ausgeglichen.

Mundatmung und offene Mundhaltung Ein sehr häufig auftretendes Symptom bei einer Myofunktionellen Störung ist der offen stehende Mund, der zumeist von einer durch den Mund erfolgenden Atmung begleitet wird (vgl. Meilinger 1999, S. 82). Nach Bigenzahn kann diese Fehlfunktion sowohl organisch oder habituell bedingt sein (vgl. Bigenzahn 2003, S. 29). Zu den organischen Ursachen gehören unter anderem adenoide Vegetationen, Septumdeviationen, Nasenpolypen, vasomotorische und allergische Rhinopathien. Habituelle Ursachen können Muskelfehlfunktionen, ein schlaffer orofazialer Muskeltonus oder Lutschgewohnheiten sein (vgl. Bigenzahn 2003, S. 29). Als Folge der offenen Mundhaltung leiden die Betroffenen häufig unter erhöhten Speichelfluss und Entzündungen im Hals-Nasen-Rachen-Raum.

Orale Habits Unter oralen Habits sind Angewohnheiten wie Wangen- und Lippensaugen, Wangen- und Lippenbeißen, Lippenlecken oder Daumen- und Schnullerlutschen zu verstehen (vgl. Clausnitzer 2004, S. 21). Nach Bigenzahn können diese durch psychische aber auch durch neurophysiologischen Ursachen ausgelöst werden (vgl. Bigenzahn 2003, S. 30). Dies können beispielsweise zu frühes Abstillen, eine falsche Flaschenernährung, übermäßige Strenge oder Verwöhnung sein (vgl. Bigenzahn 2003, S. 30).

Zungenfehlfunktionen Bei Patienten und Patientinnen mit falscher Zungenruhelage presst sich die Zunge gegen oder zwischen die Front- und/oder Seitenzähne (sogenanntes Zungenpressen oder tongue trust) (vgl. Kittel 2014, S. 14f.). Dadurch entsteht häufig ein unausgeglichener Tonus der Zunge, bei der sich die Zungenmitte als schwach und die Randbereiche als stark erweisen. An den Zungenrändern können dabei durch den ständigen Druck Abdrücke der Zähne entstehen (vgl. Kittel 2014, S. 21). Sind zudem begleitend die Falten im Bereich der Gaumenschleimhaut (Rugae platinae) deutlich sichtbar, ist dies ein zusätzliches Indiz für eine fehlende Zungenruhelage am Gaumen (vgl. Böhme 2003, S. 87). Auch ein zu kurzes Zungenbändchen kann Auslöser einer MFS sein. In den meisten Fällen ist es durch bestimmte Zungenübungen dehnbar, vereinzelnd ist aber auch ein operativer Eingriff notwendig (vgl. Kittel 2014, S. 22). Die Fehlfunktion in Form von Zungenpressen begleitet von einer schlaffen Zunge, gilt oft als Kardinalsymptom bei Multifunktionellen Störungen.

Gesamtkörperproblematik Neben den Auffälligkeiten im orofazialen Bereich treten zumeist auch weitere ganzkörperliche Begleiterscheinungen auf (vgl. Kitttel 2014, S. 31). Nach Kittel sind bei Betroffenen mit besonders schwierigen MFS häufig auch körperliche Ausprägungen zu erkennen. Dazu gehört u.a. eine gebeugte oder schlaffe Körperhaltung, eine verminderte Aufnahmefähigkeit, eine eingeschränkte Wahrnehmung oder auch Konzentrationsschwächen (vgl. Kitttel 2014, S. 31). Zwischen diesen Symptomen bestehen enge Wechselbeziehungen. Eine MFS im orofazialen Bereich kann belastend auf die Psyche eines Kindes wirken (beispielsweise durch Hänselein) und damit auch negativ auf die körperliche Haltung die Ausstrahlung und die Gesamtpersönlichkeit ausstrahlen (vgl. Kitttel 2014, S. 31).

Artikulationsstörung Auch phonetische Artikulationsstörungen können Symptom einer MFS sein. Die veränderte (vorverlagerte) Zungenruhelage beim Schlucken wirkt sich auf den Artikulationsort verschiedener Laute aus. Besonders betroffen sind die Laute [s]/[z] und [ʃ] (vgl. Weinreich & Zehner 2011, S. 74). Insbesondere bei Patienten und Patientinnen mit therapieresistentem Sigmatismus, Schetismus (lateralis) oder multipler Interdentalität sollte an eine mögliche orofaziale Dysfunktion gedacht werden (vgl. Weinreich & Zehner 2011, S. 74).

Literatur

Böhme, G. (2003). Sprach-, Sprech-, Stimm-, und Schluckstörungen. Band 1: Klinik. München: Urban & Fischer Verlag.

Bigenzahn, W. (2003). Orofaziale Dysfunktionen im Kindesalter. Stuttgart: Georg Thieme Verlag.

Clausnitzer, V. (2004). Orofaziale Muskelfunktionstherapie (OMF). Ein myofunktionelles Übungsbuch. Dortmund: verlag modernes lernen, Borgmann KG.

Hahn, V. & Hahn, H. (2003). Myofunktionelle Störungen. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.), Lexikon der Sprachtherapie, 2007 (S. 206-212). Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Kittel, A. (2014). Myofunktionelle Therapie. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag GmbH.

Meilinger, M. (1999). Untersuchung ausgewählter Aspekte myofunktioneller Störungen im Vorschulalter. München: Herbert Utz Verlag.

Weinrich, M. & Zehner, H. (2011). Phonetische und Phonologische Störungen bei Kindern - Aussprachetherapie in Bewegung. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

stoerungsbilder/myofunktionelle_stoerungen.txt · Zuletzt geändert: 2016/11/07 00:19 von stitzinger
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