Rhinophonie

Miriam Holtmann, B.A. Sonderpädagogik

(Leibniz Universität Hannover, Betreuung: U. Stitzinger)

1. Definition

Rhinophonie (griechisch: rhís (Gen.: rhonós) = Nase, phōnḗ = Stimme; Nasale Stimme), auch als Näseln bekannt, bezeichnet eine pathologische Veränderung des Sprechschalls, die aufgrund von zu hoher (offenes Näseln, Hyperrhinophonie; Rhinophonia aperta) oder zu geringer (geschlossenes Nä-seln, Hyporhinophonie; R. clausa) Beteiligung der suprapalatinalen Räume des Ansatzrohres (Nasenhöhle und Nasopharynx), an nasalem Klanganteil, entsteht. Auch eine Mischform (gemischtes Näseln; R. mixta) ist möglich. (vgl. Neumann 2001, S. 301; Friedrich 2005, S. 143; Seider 2005, S. 273)

Aufgrund von Näseln wird der Sprachstimmklang und die Artikulation beein-trächtigt. Demnach nimmt es eine Mittelstellung zwischen Stimm- und Artikula-tionsstörungen ein. Bei nicht pathologischer Artikulation wird von Rhinophonie gesprochen. Ist zusätzlich die Artikulation beeinträchtigt handelt es sich um eine Rhinolalie. Diese Unterscheidung kommt in der Praxis zumeist nicht zur Anwendung, sondern die Begriffe werden synonym verwendet. (vgl. Friedrich 2005, S.143).

Zu unterscheiden ist Näseln von Nasalität. Innerhalb der deutschen Sprache werden die Laute /n/, /m/ und /ng/ mit nasaler Resonanz artikuliert. In diesen drei Fällen ist die Nasalität eine normale und gewünschte Komponente des Stimmklangs. Zusätzlich kommt bei den Orallauten ein gewisser nasaler Stimmklang zum Tragen, der die Tragfähigkeit der Stimme erhöht und somit als klangvoll empfunden wird (Nasalierung). (vgl. Wirth 2000, S. 414; Neumann 2001, S. 301; Friedrich 2005, S. 143)

Von Rhinophonie Betroffene artikulieren orale Laute nasal oder nasale Laute oral. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht in der nasal-oralen Balance, was neben der Beeinträchtigung der Laute auch zu einer Beeinträchtigung der Lautübergänge (Transienten) führt. (vgl. Neumann 2001, S.301)

2. Ursachen

Als Ursachen kommen viele Möglichkeiten in Betracht. Zum Einen kann Rhinophonie nach der Geburt durch Entwicklungsstörungen des Embryos während der Schwangerschaft auftreten. (vgl. Seidner 2005, S. 275)

Psychisch bedingte Nachlässigkeit bei der Artikulation, eine mangelhafte Sprechkontrolle, oder falsche Sprechgewohnheiten können ebenfalls als Ursache vorliegen. Möglich sind außerdem neurologische Ausfälle, die zu Lähmungen der Artikulationsorgane führen, sowie Fehlbildungen (z.B. aufgrund des Genmaterials) oder Erkrankungen der Organe. Bei einer Überfunktion des Gaumensegels kann ebenso eine Rhinophonie auftreten. (ebd., S. 273-283)

Liegen bereits Vorschädigungen - wie Gaumenparesen, submukösen Spaltbildungen oder ein kongenital verkürztes Velum - vor, tritt nach einer Tonsillektomie oder einer Adenotomie meist ein erhöhtes Näseln auf, da die velopharyngeale Insuffizienz stärker hervorsticht (ebd., S. 280f).

3. Symptomatik

Je nach Form der Rhinophonie tritt eine unterschiedliche Symptomatik auf. Diese sind bei den jeweiligen Beschreibungen der Formen näher erläutert. Auch die Stärke des Näselns kann sich bei den Patienten und Patientinnen unterscheiden.

Im weitesten Sinn wird zwischen dem offenen und dem geschlossenen, sowie deren Mischform, unterschieden.

Beim offenen Näseln klingt der Stimmklang nasal, dass bedeutet alle Laute werden mit nasalem Durchschlag gesprochen (vgl. Neumann 2001, S. 303; Seidner 2005, S. 281). Außerdem tritt eine nasale Turbulenz auf (vgl. Neumann 2001, S. 303f).

Beim geschlossenen Näseln klingt die Stimme dumpf und `verstopft´. Die Nasale können nicht phoniert werden und bei starker oder vollständigem Verschluss der Nase werden anstatt der Nasale (m,n,ng) die stimmhaften Plosive (b,d,g) artikuliert. (vgl. Seidner 2005, S. 281)

Bei der Mischform (Rhinophonia mixta), tritt die sogenannte Cul-de-Sac-Resonanz auf (ebd.).

4. Formen der Rhinophonie

4.1 Hyperrhinophonie (Offenes Näseln)

4.1.1 Funktionelle Hyperrhinophonie

Es besteht kein pathologischer Organbefund der Artikulationsorgane. Zumeist liegt der funktionellen Hyperrhinophonie eine psychisch bedingte nachlässige Artikulation zu Grunde, die möglicherweise habituell durch schlechte Vorbilder bedingt wird. Ein pathologischer Organbefund kann auch als Ursache der Störung zu Grunde liegen, auch wenn dieser bei der diagnostizierten Hyperrhinophonie nicht mehr vorliegt. Wenn z.B. kurzzeitig eine Bewegungseinschränkung des Gaumensegels oder deren Entzündung nach Tonsillektomie mit nachfolgender Schonhaltung vorliegt. Dabei wird die Passivität des Gaumensegels beibehalten,obwohl die Bewegungs-einschränkungen nicht mehr vorhanden sind.

Ursächlich können ebenfalls eine mangelhafte Sprechkontrolle bei Menschen mit verminderter Intelligenz oder Menschen mit Schwerhörigkeit sein, die versuchen ihre Wahrnehmung, bezogen auf die eigene Stimme, zu verbessern. (vgl. Seidner 2005, S. 275; Braun 2006, S.100 & 109)

4.1.2 Kongenital kurzes Gaumensegel

Aufgrund von Entwicklungsstörungen während der ersten drei Embryonalmonate kann ein zu kurzer weicher Gaumen angeboren sein. Dadurch ist der Abstand vom Gaumensegel zur Rachenhinterwand deutlich vergrößert, was zu einer Schlussinsuffizienz und somit zu einem offenen Näseln führt. Es ist von Gaumensegellähmungen und submukösen Gaumenspalten abzugrenzen. (vgl. Seidner 2005, S. 275)

4.1.3 Gaumensegelparesen

Gaumensegelparesen, also Lähmungen des Gaumensegels, können angeboren oder erworben sein. Angeborene Lähmungen treten häufig aufgrund von Suprabulbär- oder Bulbärparalysen (neurologische Erkrankungen des Hirnstammes) auf. Ähnlich verhält es sich bei den erworbenen Paresen, die ebenfalls durch Suprabulbär- oder Bulbärparalysen auftreten können. Andere Erkrankungen die Gaumensegelparesen auslösen können, oder/und deren Folgeschäden, sind: Hirntumore, Meningitis, Enzephalitis, Poliomyelitis, Diphterie. (vgl. Seidner 2005, S. 275; Berlit 2011)

Die Symptomatik ist stärker als beim funktionell offenen Näseln ausgeprägt. Bei Säuglingen ist besonders der Schluckvorgang und die Belüftung des Mittelohres problematisch. Bei älteren Menschen sind außer der Selbstlaute auch die Zisch-, Reibe- und Explosivlaute beeinträchtigt und klingen nasal verändert. (vgl. Seidner 2005, S. 275)

Beim Schlucken tritt Flüssigkeit und Speisebrei aus der Nase aus. Das Gaumensegel atrophiert. (ebd., S. 276)

4.1.4 Submuköse Gaumenspalten

Sie entstehen, wenn die paarig angelegten knöchernen Gaumenplatten nicht vollständig verwachsen. Es kann auch isoliert nur das Velum betroffen sein. (ebd., S. 277)

Am hinteren Rand des harten Gaumens befindet sich ein dreieckiger, mit Schleimhaut bedeckter, manchmal etwas eingezogener, Defekt. Der weiche Gaumen ist hingegen nicht betroffen und bewegt sich daher normal. Häufig ist er jedoch zu kurz und trägt zusätzlich ein doppeltes Zäpfchen. Die Stärke des Näselns kann ganz unterschiedlich ausfallen. (vgl. Seidner 2005, S.277; Caspers 2012, S.11)

4.1.5 Offene Gaumenspalte

Außer des genäselten Stimmklangs liegt eine umfassende Störung des Sprechens vor. Aufgrund etwaiger Fehlbildungen (z.B. kein Abschluss von Meso- und Epipharynx) können fast keine Laute korrekt gebildet werden. Außerdem kommt es zu fehlerhaften Artikulationsmechanismen. (vgl. Seidner 2005, S.277) Weitere Informationen sind in der Kategorie Lippen-Kiefer-Gaumensegel-Spalten (LKGS) zu finden.

4.2 Hyporhinophonie(Geschlossenes Näseln)

Bei geschlossenem Näseln werden die nasalen Laute /n/, /m/ und /ng/ nicht nasaliert. Das bedeutet, die gewünschte Nasalität bei diesen Lauten bleibt aus. Dadurch klingt die Stimme dumpf und `verstopft´. (vgl. Seidner 2005, S. 281; Braun 2006 S. 108)

Zum Beispiel wird der Satz ´Milch macht müde Männer munter` wie folgt klingen: ´ilch acht üde ä(d)er uter`.

Besteht eine hochgradige oder totale Behinderung der Nasenatmung, werden anstatt der Nasale (m,n,ng) die stimmhaften Plosive (b,d,g) artikuliert (ebd.).

4.2.1 Funktionelle Hyporhinophonie

Es liegt kein krankhafter Befund der Artikulationsorgane vor, d.h. die Nasenatmung und das Riechvermögen sind nicht beeinträchtigt. Das funktionell geschlossene Näseln entsteht aufgrund falscher Sprechgewohnheiten oder einer Überfunktion des Gaumensegels. Letzteres ist manchmal nur beim Rufen hörbar. (vgl. Braun 2006 S. 109)

4.2.2. Organische Hyporhinophonie

Zu unterscheiden ist zwischen der Rhinophonia clausa anterior (Behinderung in den Nasenhaupthöhlen) und der Rhinophonia clausa posterior (Behinderung im Nasen-Rachen-Raum). (vgl. Seidner 2005, S. 281; Braun 2006, S. 108)

Als Ursachen sind alle Prozesse, die eine normale Nasenatmung einschränken oder komplett blockieren, zu nennen; z.B.: Schleimhautanschwellungen verschiedener Genese, Septum-deviationen, Operations- und Traumafolgen, Rachenmandelhyperplasien. (vgl. Seidner 2005, S. 281)

4.3 Gemischte Hyper-Hyporhinophonie

Das gemischte Näseln, auch Rhinophonia mixta genannt, zeigt Bestandteile sowohl des offenen als auch des geschlossenen Näselns auf. Häufig besteht neben einer velopharyngealen Insuffizienz zusätzlich eine Verlegung des Na-senrachenraums oder der Nasenhaupthöhlen. Es besteht sowohl eine Rhinophonia mixta anterior (fehlender Gaumensegelabschluss mit organisch bedingter Einengung der Nasenhaupthöhlen) als auch eine Rhinophonia mixta posterior (ausbleibender Gaumensegelabschluss mit organischer Behinderung im Nasenrachenraum). Die entstehende klangliche Besonderheit wird `Cul-de-sac-Resonanz´ genannt. (vgl. Seidner 2005, S. 281; Braun 2006, S. 108f)

Literatur

Berlit, P. (Hrsg.). (2011). Klinische Neurologie. Mit 363 Tabellen und 227 Übersichten (3., erw. und vollst. überarb. Aufl.) (S. 373-424). Berlin [u.a.]: Springer.

Braun, O. (2006). Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Diagnostik - Therapie - Förderung (3., aktualisierte und erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Caspers, K. (2012). Das andere Lächeln: Babys mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Ein Buch (nicht nur) für Eltern (2. Aufl.). W. Zuckschwerdt Verlag

Friedrich, G. (2005). Näseln. In W. Bigenzahn, E. Brunner, G. Friedrich & P. Zorowka (Hrsg.), Phoniatrie und Pädaudiologie. Einführung in die medizinischen, psychologischen und linguistischen Grundlagen von Stimme, Sprache und Gehör (4., korrigierte Aufl., S. 143-151). Bern [u.a.]: Huber (Programmbereich Gesundheit).

Neumann, S. (2001). Näseln (Rhinophonie). In M. Grohnfeldt (Hrsg.), Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie (S. 298–313).

Seidner, W. (2005). Näseln. In J. Wendler, W. Seidner, U. Eysholdt & H. Appel (Hrsg.), Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie (4., völlig überarb. Aufl., S. 273-283). Stuttgart: Thieme.

Wirth, G. (2000). Sprachstörungen, Sprechstörungen, kindliche Hörstörungen. Lehrbuch für Ärzte, Logopäden und Sprachheilpädagogen (5. Aufl. überabeitet von Ptok, M. & Schönweiler, R.). Köln: Dt. Ärzte-Verl.


2016/10/31 17:47

stoerungsbilder/rhinophonie.txt · Zuletzt geändert: 2016/10/31 20:13 von stitzinger
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