stottern bei jugendlichen und erwachsenen

Definition

Stottern ist eine Redefluss- oder Sprechablaufstörung, bei der es nicht nur gelegentlich, sondern auffallend häufig zu Unterbrechungen im Redefluss kommt. Ein Stotterer weiß genau, was er sagen will, ist aber im Augenblick des Stotterns unfähig, die für die Umsetzung des sprachlichen Inhalts erforderlichen Artikulationsbewegungen fließend auszuführen. (Natke, 2000)

Stottern ist eine sprechmotorische Redeflussstörung und damit eine zentrale Sprechstörung. Es tritt beim mitteilenden und nicht-kommunikativen Sprechen - unabhängig von dem Willen des Sprechers - im Kindes- und Erwachsenenalter auf und äußert sich symptomatisch in den Bereichen Respiration, Phonation, Artikulation, Sprechablauf und Motorik. (Bigenzahn u. Böhme, 2003)

Abgrenzung

Primär muss zunächst festgestellt werden, ob es sich bei den zu beobachtenden Redesflussstörungen um wahres Stottern, oder um dem Stottern nicht zugehörige Sprechunflüssigkeiten handelt.

  • Unterscheidung gestotterter und nicht gestotterter Sprechunflüssigkeiten

Es kann auch bei nicht stotternden Personen zu situationalen und vorübergehenden Unflüssigkeiten im Sprechen kommen, deshalb unterscheidet man hier zwischen gestotterten und nicht gestotterten Sprechunflüssigkeiten.

Nicht gestotterte Sprechunflüssigkeiten

funktionelle oder physiologische Sprechunflüssigkeiten: können situativ und bei jeder Person auftauchen. Symptome sind: Unflüssigkeiten zwischen Wörtern, die Wiederholung von ein-und mehrsilbigen Wörtern, Umstellungen und Korrekturen von ganzen Sätzen und Äußerungen, sowie Pausen an Satzgrenzen.

Gestotterte Sprechunflüssigkeiten

Symptome sind: Unflüssigkeiten im Wort, Wiederholungen von Lauten und Silben evtl. mit Schwa-Laut-Einfügung, Dehnung länger als 1 s, Pausen auch im Wort, Gesichtsanspannungen, Anstrengungen beim Reden mit grobmotorischen Mitbewegungen bis zur motorischen Fixierung, verdeckte Symptome. (Glück u. Baumgartner, 2006a)

Differenzialdiaognosen zu anderen Sprechstörungen

  • Poltern:
    (Siehe auch Beitrag zur Redeflussstörung Poltern)

Redeflussstörung mit sehr hoher Sprechgeschwindigkeit,Wiederholungen, Abbrüchen

Verständlichkeit ist eingeschränkt

keine Begleitsymptomatik

  • Neurogenes Stottern:

durch Hirnschädigung verursacht

Ähnlichkeit mit den Kernsymptome des Stotterns

geringere Variabilität in Verbindung mit Aphasie, Dysarthrie durch Schlaganfall oder Parkinson-Syndrom

  • Psychogenes Stottern:

selten

tritt nach einem stark emotional wirkenden Ereignis, welches Stress auslöst, auf.

geringe Variabilität

  • Spasmodische Dysphonie ( spastischer Stimmbandkrampf):

Stimmstörungen

kann zum „Steckenbleiben“ im Redefluss führen

  • Ticstörungen:

Tourette-Störungen mit multiplen motorischen und vokalen Tics

  • Logophobie (Sprechangst):

Die Sprechangst ist eine Form der sozialen Angst und unterscheidet sich vom Erscheinungsbild des Stotterns insofern, dass: sich Personen mit Sprechangst vor Situationen, in denen sie vor einem Publikum sprechen oder vortragen müssen fürchten. Sprechangst tritt trotzdem öfter bei stotternden Menschen auf, als bei nicht stotternden Menschen. (Kerstin Weikert)

Prävalenz

  • im Jugendlichen- und Erwachsenenalter zeigt etwa 1% der Weltbevölkerung chronisches Stottern
  • In Deutschland stottern etwa 800 000 Menschen (BVSS, 2009)
  • das männliche Geschlecht ist deutlich stärker betroffen (Verhältnis 5:1) - die Remissionsrate in der Kindheit (Verhältnis 3:1) liegt also bei weiblichen Personen deutlich höher

Ursachen

Das Entstehen und Bestehenbleiben des Stotterns wird heute auf das komplexe und individuell variable Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren zurückgeführt.

Es wird davon ausgegangen, daß der Redefluss durch die folgenden Faktoren, die auf das sprechmotorische System einwirken, beinflusst wird:

  • Kognitive Faktoren
  • Soziale Faktoren
  • Emotionale Faktoren
  • Linguistische Faktoren

(in Anlehnung an Glück u. Baumgartner, 2006b)

Zusätzlich zu den oben genannten Einflüssen auf das sprechmotorische System wird angenommen, daß ein stockender Redefluss auch durch atypische neurologische Verarbeitungsmuster bedingt ist. (Bloodstein & Ratner, 2008)

Symptome

Häufig ungewollte Unterbrechungen des Redeflusses durch tatsächliche und voraus empfundene Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen der artikulatorischen Bewegungen.

Die damit verbundenen Schwierigkeiten, in angemessener Zeit eigene Äußerungsintentionen sprachlich zu vermitteln, können zu einer Kommunikationsstörung führen, die auch den Kommunikationspartner betrifft. Dessen tatsächliche oder vermutete Reaktion beeinflusst wiederum die Stottersymptomatik. Gleichzeitig hat die Störung z.T. gravierende Folgen für die Persönlichkeit der Betroffenen.

Für eine differenzierte Betrachtungsweise hat es sich als zweckmäßig erwiesen, die Stottersymptomatik in offene und verdeckte Symptome sowie in Primär- und Sekundärsymptomatik einzuteilen. Zwischen den einzelnen Dimensionen herrschen fließende Übergänge.

Primärsymptomatik

Offene Symptome:

Man unterscheidet nach der Art der Redeunterbrechungen drei Stotterformen (nach Braun):

  • klonisches Stottern (Kloni = krampfartige Iterationen) kurz, rasch aufeinander folgende verkrampfte oder gepresste Laut- und /oder Silbeniterationen, die durch schnelle kurzzeitige Wechsel zwischen Kontraktionen und Entspannungen der Sprechmuskulatur entstehen: z.B. T-t-t-tisch, Pa-pa-pa-pa-pa.
  • tonisches Stottern (Toni = krampfartige Blockade)verkrampfte, oder gepresste Laut- und/oder Silbenblockierungen und –prolongationen (Dehnungen, Verlängerungen), die durch relativ lang andauernde Kontraktionen der Sprechmuskulatur entstehen. Dem Sprechen eines Wortes oder Satzes kann auch ein anhaltendes stummes, sehr angestrengtes Pressen vorausgehen. z.B. P—apa, Hi—ilfe.
  • klonisch-tonisches oder tonisch-klonisches Stottern, wenn klonische und tonische Symptome kombiniert vorkommen und einander dominieren.

Da stotterähnliche Symptome, vor allem Iterationen von Lauten, Silben, Wort- und Satzteilen und Symptome angestrengten oder belasteten Sprechens auch in der Normalsprache vorkommen, ist es schwierig, Stottern als Störung des Sprech- oder Redeflusses symptomatologisch eindeutig zu markieren und definieren.

Diese in Deutschland bisher sehr gebräuchliche Einteilung wird derzeitig von der Fachwelt als unzureichend angesehen. (Vergleich: Glück u. Baumgartner, 2006.)

International hat sich seit Jahren die Einteilung der Kernsymptomatik in sogenannte „Core Behaviors“ bzw. Hauptsymptome bewährt. Nach diesem Schema unterscheided man zwischen den drei am häufigsten zu beobachtenden offenen Kernsymptomen wie folgt:

  • Wiederholungen - von Lauten, Silben und Wörtern (Repetitions)
  • Lautdehnungen (Prolongations)
  • Blockaden bzw. unbeabsichtigte Pausen (Blocks)

(Ham, 1986)

Sekundärsymptomatik

Diese entwickelt sich erst im Laufe der Zeit und entsteht als Reaktion des Individuums auf seine unflüssige Sprechweise. Durch den Versuch, die auftretenden Stottersymptome zu unterdrücken und zu kaschieren, entstehen neue, dem Stottervorgang begleitende Verhaltensweisen.

Offene Symptome:

Anstrengungsverhalten, z.B. krampfartige Pressversuche. Mitbewegungen der Artikulationsorgane und des Körpers, z.B. abnorme, bizarre Mund- und Zungenbewegungen, Kopfzucken, Armschleudern. Flickwörter und –phrasen, auch als Starterfunktion, z.B. „mh“, „meiner Meinung nach…“. Auffällige Sprechatmung, z.B. Sprechen auf Restluft, inspiratorisches Sprechen. Vegetative Reaktionen, z.B. Erröten, Zittern, Schwitzen. Fehlender Blickkontakt zum Gesprächspartner. Abbruch und Neuanfang der Rede mit und ohne Umformulierungen. Auffällige Stimmgebung, z.B. Betonung, Sprechrhythmusgestaltung. Oftmals ist diese Symptomatik wesentlich auffälliger als die eigentliche Primärsymptomatik.

Verdeckte Symptome:

Diese Symptome lassen sich nur aufgrund der Darstellungen der Betroffenen erfassen. In der Fachwelt wird davon ausgegangen, dass es sich um erlernte Verhaltensweisen handelt, von denen nicht alle stotternden Personen betroffen sind und deren Ausprägung individuell sehr heterogen ist.

Flucht- und Vermeidungsverhalten auf verbaler Ebene, z.B. geschickter Austausch von Wörtern, Umformulierung von Sätzen, Verändertes Selbstkonzept, z.B. starkes Störungsbewusstsein, vermindertes Selbstwertgefühl, Angst vor dem Sprechen, vor Sprechsituationen, spezifische Lautangst, Scham, Frustration. Empfindungen beim Sprechen, z.B. Verlust der Möglichkeit zur bewussten Beeinflussung des Sprechvorgangs (Kontrollverlust) Veränderte Situationswahrnehmung und –bewertung, z.B. Überschätzung der eigenen Symptomatik, sprecherische und kommunikative Anforderungen werden hoch bewertet, Misserfolgserwartung. Das Stottern unterliegt situativen Schwankungen. Je nach Situation kann das Stottern extrem zu- oder abnehmen. Hauptursachen dafür:

Dauerbelastung durch Stress Psychischer und sozialer Druck Physischer Stress, z.B. wenn der Körper durch starke körperlich Anstrengung, Übermüdung, Krankheit sehr beansprucht ist. Linguistische Faktoren, z.B. wenn jemand über mehrere Stunden sehr viel geredet hat und sich sprachlich erschöpft fühlt. Das Stottern unterliegt situativen Schwankungen. Je nach Situation kann das Stottern extrem zu- oder abnehmen. Hauptursachen dafür:

  • Dauerbelastung durch Stress
  • Psychischer und sozialer Druck
  • Physischer Stress, z.B. wenn der Körper durch starke körperlich Anstrengung, Übermüdung, Krankheit sehr beansprucht ist.
  • Linguistische Faktoren, z.B. wenn jemand über mehrere Stunden sehr viel geredet hat und sich sprachlich erschöpft fühlt.

Literatur

Bigenzahn, W. & Böhme, G. Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. 3. Auflage. Seite 122. Elsevier, Urban & Fischer Verlag: München, 2003.

Bloodstein, O. & Ratner, B.N., A Handbook on Stuttering. 6. Auflage. Seite 153. Thompson-Delmar Learning: Clifton Park, N.Y. 2008.

Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. Wussten Sie…Eingesehen am 15.3.09 auf der offiziellen Webseite der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V.http://www.bvss.de/, 2009.

Glück,C. u. Baumgartner, S. Stottern. In Siegmüller, J. u. Bartels H. (Hrgs.) Leitfaden: Sprache - Sprechen- Stimme - Schlucken. Seite: 422. Urban & Fischer Verlag: München, 2006a.

Glück,C. u. Baumgartner, S. Stottern. In Siegmüller, J. u. Bartels H. (Hrgs.) Leitfaden: Sprache - Sprechen- Stimme - Schlucken. Seite: 418. Urban & Fischer Verlag: München, 2006b.

Ham, R. Techniques of Stuttering Therapy. Seite 37. Prentice-Hall, Inc.: Englewood Cliffs, New Jersey. 1986.

Natke, U. Definition des Stotterns. In Grohnfeldt, M. Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie in 5 Bd. 2. Auflage. In Band 2: Erscheinungsformen und Störungsbilder. Seite: 151. Kohlhammer,W. Verlag GmbH: Stuttgart, 2003.


2008/12/09 12:03

stoerungsbilder/stottern_bei_jugendlichen_und_erwachsenen.txt · Zuletzt geändert: 2011/05/10 22:45 (Externe Bearbeitung)
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