Syntaktisch-morphologische Stoerungen

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Hintergrundwissen

Phasenmodell des Grammatikerwerbs im Deutschen (nach Harald Clahsen: Normale und gestörte Kindersprache, 1988)

Phase I: Vorläufer zur Syntax (mit ca. 1;6)

  • Kombination von Einwortäußerungen: „balli, balli“ (Kind will, dass die Mutter ihm den Ball zurollt)
  • Verbpräfix: „aus“ für: „ausmachen“
  • Negation durch nein

Phase II: Erwerb des syntaktischen Prinzips (mit ca. 2;0) schon

  • eigenständige Kombinationen meist mit einem Nomen und Adjektiv oder Verb: „Stuhl sitzen“ (Kind will auf einen Stuhl klettern)
  • Funktionwörter werden ausgelassen
  • Fragen: Informationsfragen durch Fragewörter, Entscheidungsfragen durch Intonation
  • Verben meist in Stammform oder im Infinitiv, gelegentlich Markierung mit -t
  • Bildung von verblosen und/oder subjektlosen Sätzen (Verb-/Subjektauslassung)

Phase III: Vorläufer der einzelsprachlichen Grammatik (mit ca. 2;6)

  • drei und mehr Wörter werden kombiniert
  • Verben stehen häufig am Ende: „schöne blaue Mütze habe“
  • Verbflexion 1. Pers. („-e“-Endung) und 3. Pers. (/-t/-Endung)
  • Kasusmarkierung: s-Suffix für Possesiv („Das ist Tinas Ball.“)

Phase IV: Erwerb einzelsprachlicher Besonderheiten (mit ca. 3;0)

  • das finite (gebeugte) Verb wird in Numerus und Geschlecht am Subjekt ausgerichtet, jetzt auch für 2. Person (/-st/-Endung)
  • einfache Hauptsätze werden korrekt gebildet: „Ich baue da eine Kirche.“
  • Fragen: werden durch Inversion von Subjekt und Verb gebildet: („Du gehst in den Kindergarten.“ → „Gehst Du in den Kindergarten?“)
  • Kasusmarkierung: häufig Nominativform in Kontexten, die Akkusativ- oder Dativmarkierung verlangen

Phase V: komplexe Sätze (mit ca. 3;6)

  • Teilsätze werden mit Konjunktionen zu komplexen Sätzen verbunden
  • in Nebensätzen, die mit einer unterordnenden (subordinierenden) Konjunktion eingeleitet werden, wird das finite Verb in Endstellung gebraucht
  • Kasusmarkierung: noch Akkusativ-Verwendung in Dativ-forndernden Kontexten: „da muss ich dich den popo verhauen„
  • Fragen: mit ob gebildet

Definition

Bei syntaktisch-morphologischen Störungen im Spracherwerb kommt es zu einer Sprachverwendung, bei der syntaktische und morphologische Regelhaftigkeiten der Sprache stark abweichend zur Erwartung hinsichtlich des Alters und der Sprachumwelt des Kindes realisiert werden. Syntaktisch-morphologische Störungen wirken sich auch auf das Sprachverstehen aus.

Syntaktisch-morphologische Störungen können symptomatisch bei vorliegenden Primärbeeinträchtigungen (Hörstörung, geistige Behinderung) auftreten. Im Folgenden wird auf syntaktische-morphologische Störungen im Rahmen der Spezifischen Spracherwerbsstörung eingegangen.

Historischer Exkurs zur Terminologieentwicklung:

  • Agrammatismus infantilis als „die Unfähigkeit, in grammatisch und syntactischen correcten Sätzen zu reden“ (Liebmann 1901, zitiert nach Braun 2006, S.194)
  • Dysgrammatismus als „Unfähigkeit, einem richtig gedachten Sachverhalt eine grammatikalisch einwandfreie Formulierung zu geben“ (Führing und Lettmayer 1951, zitiert nach Braun 2006, S.19)
  • Dannenbauer (1983): „Entwicklungsdysgrammatismus“ als spezifische Ausprägeform der Entwicklungsdysphasie,als „eine sprachliche Entwicklungsstörung, die durch verspätet einsetzende, teilweise auch stockende, inkonstante und undifferenzierte Lernprozesse geprägt ist“ (Dannenbauer 1084, zitiert nach Braun 2006, S.194-195), ähnlich H.Grimm: Entwicklungsdysgrammatismus als Teilstörung der dysphasischen Entwicklungsstörung
  • „Spezifische Sprachentwicklungsstörung“(SSES) statt kindlicher Dysgrammatismus: „als Folge eine qualitativ andersartigen gestörten Spracherwerbs zu betrachten“ (Schöler 1998, zitiert nach Braun 2006, S.195) mit hervorstechenden Auffälligkeiten im morphologischen und syntaktischen Bereich
  • „Grammatische Störung“ als „Teilproblematik einer Spracherwerbsstörung“ (Motsch 2006, 38)

zur Spezifischen Spracherwerbsstörung s. Sprachheilwiki>Störungsbilder

Verlauf

Stadien nach Dannenbauer

1) prädysgrammatisches Stadium:

  • verspäteter Beginn des funktionalen Gebrauchs erster Wörter (50 Wortphase) um 1-2 Jahre
  • beschränktes Lautinventar
  • Segmentierungsfähigkeit ist gestört

Kinder mit Dysgrammatismus reden in diesem Stadium weniger und besitzen ein kleineres Lautinventar als Gleichaltrige. Trotzdem fallen sie nicht direkt auf (→ Late Talkers).

2) dysgrammatisches Stadium:

  • verzögerter, unkoordinierter Grammatikerwerb

(normalerweise ist der Grundgrammatikerwerb mit ca. 3;6 Jahren beendet):

  • Verbfinalstellung (auch im einfachen Hauptsatz)
  • Auslassung grammatikalischer Funktionswörter (wie z.B.: Artikel oder Präpositionen)
  • Subjektauslassung
  • Verb in Infinitiv-Form (fehlende Einsicht in Subjekt- Verb- Kongruenz)

Auch in diesem Stadium fällt auf, dass das Vokabular eines Kindes mit syntaktisch-morphologischen Störungen weniger anwächst im Vergleich zu Gleichaltrigen. Außerdem können Wortfindungsstörungen und/oder Aussprachefehler auftreten.

3) postdysgrammatisches Stadium:

Kinder mit einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung sprechen in diesem Satium zwar meistens unauffällig, haben dafür aber Probleme mit der Schriftsprache. Vorhergegangenen Artikluationsproblem tauchen nun in der Schriftsprache wieder auf.

weitere Symptome sind:

  • auffällige Sprachdefizite (sprachliche Anforderungen können nur ungenügend gemeistert werden.)
  • beschränkte sprachliche Kommunikationsmöglichkeiten
  • Verhaltensauffälligkeiten

Auch Erwachsene können nachweisbar Probleme mit dem phonologischen Arbeitsgedächtnis und beim schnellen Wortabruf haben.

Symptome

verzögerter Grammatikerwerb (normalerweise mit 3;6 Jahren abgeschlossen), unausbalancierte/asynchrone Entwicklung (Kind kann sich gleichzeitig in mehreren Phasen d. Grammatikerwerbs befinden)

  • Verbendstellung (auch in einfachen Hauptsätzen, Verbzweitstellung bleibt aus), flektierte Verbendstellung
  • infinite Form des Verbs (Fehlendes Erkennen der Subjekt-Verb-Kongruenz > keine

Konjugation und Subjektanpassung)

  • Auslassen des Subjekts
  • grammatische Funktionswörter werden ausgelassen (Präpositionen/ Artikel/ Konjunktion)
  • Formveränderungen d. flektierbaren Wortarten (Substantiv, Verb,Adjektiv, Pronomen, Numerale, Artikel)
  • spezifische Formen der Pluralbildung (Übergeneralisierungen)
  • Probleme bei d. Bildung von Präpositionalphrasen
  • keine regelhafte Wortfügung/-folge und Satzfügung/-folge (Auslassungen / Umstellungen)
  • starre, verkürzt wirkende Satzstruktur mit festem Muster(Subjekt-Prädikat-Objekt)

>keine Bildung von Frage- und Nebensätzen

  • morphologische Auffälligkeiten bei Kasus, Tempus, Plural, Subjekt-Verb-Kongruenz
  • mangelnder Einsatz an Kohörenz- und Kohäsionsmitteln
  • fehlende / falsche / referenzlose Pronominalisierungen

Ursachen

Epidemiologie

Die Häufigkeit des Auftretens einer syntaktisch-morphologischen Störung ist schwer fest zu machen:

  • Spezifische Sprachentwicklungsstörung: 4%-8%
  • Geschlechterspezifische Relation (Jungen / Mädchen): zwischen 2:1 und 4:1
  • „Late Talker“ (1.Phase „prädysgrammatisches Stadium“ nach Dannenbauer):13%-20% aller Zweijährigen

Literatur

  • Braun, O. (2004). Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Vol.5, pp. 42-52. Kohlhammer W.
  • Felix, Sascha; Meisel, Jürgen: Wode, Henning: Series A: Language Development 23. Tübinger Beiträge zur Linguistik.
  • Grohnfeldt, M. (. (2001). Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie, Bd. 2 Erscheinungsformen und Störungsbilder. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Siegmüller, J. & Bartels, H. (2006). Leitfaden Sprache - Sprechen - Stimme - Schlucken. München [u.a.]: Elsevier, Urban und Fischer.

2008/11/17 19:45

stoerungsbilder/syntaktisch-morphologische_stoerungen.txt · Zuletzt geändert: 2011/08/15 17:16 von reber
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